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Kryptobranche entlässt massiv: über 450 Stellen gestrichen

März 2026 bringt eine neue Entlassungswelle im Kryptosektor: Algorand, Gemini, Block, Crypto.com, OP Labs und Messari bauen in wenigen Wochen Stellen ab.

Aktualisiert 29 Aug. 2026 4 min read Wie wir arbeiten

Der März 2026 dürfte als einer der schwierigsten Monate für die Beschäftigung im Kryptosektor in die Geschichte eingehen. Innerhalb weniger Wochen haben mehrere der bekanntesten Unternehmen der Branche deutliche Personalkürzungen angekündigt. Offiziell wird meist eine von zwei Begründungen genannt: makroökonomischer Druck oder die Integration künstlicher Intelligenz.

Doch hinter den offiziellen Mitteilungen steckt eine komplexere Realität.

Die Zahlen: Wer wie viel gestrichen hat

Das Bild, das sich aus den vergangenen Wochen ergibt, spricht für sich.

Block, das Unternehmen von Jack Dorsey, hat im Februar über 4.000 Stellen abgebaut, fast 40 bis 50 Prozent der Belegschaft, und nannte dabei ausdrücklich KI als Hauptgrund.

Gemini hat seine Belegschaft seit Anfang 2026 um rund 30 Prozent reduziert, die Mitarbeiterzahl liegt nun bei etwa 445. Die Kürzungen gingen mit einer strategischen Umstrukturierung einher, darunter der Rückzug aus mehreren internationalen Märkten und ein wachsender Fokus auf Prognosemärkte.

Crypto.com hat eine Reduzierung der Belegschaft um 12 Prozent angekündigt, das entspricht rund 180 Mitarbeitenden. CEO Kris Marszalek erklärte: „Wir reihen uns in die Liste der Unternehmen ein, die KI unternehmensweit integrieren“, und fügte hinzu, dass Unternehmen, die sich dieser neuen Welt nicht anpassen, riskieren, den Anschluss zu verlieren.

Die Algorand Foundation hat am 18. März 2026 25 Prozent ihrer Belegschaft gestrichen, betroffen sind etwa 40 bis 50 Stellen bei einer Gesamtbelegschaft von unter 200 Personen. Als Gründe nannte die Stiftung das „unsichere globale Makroumfeld“ und den allgemeinen Abschwung an den Kryptomärkten. Die Nachricht kam einen Tag, nachdem US-Regulierungsbehörden ALGO als digitales Rohstoffgut (Commodity) und nicht als Wertpapier (Security) eingestuft hatten.

OP Labs, das Team hinter dem Layer-2-Netzwerk Optimism, hat 20 Stellen gestrichen. PIP Labs, das Team hinter Story Protocol, hat fünf Festangestellte und drei externe Mitarbeitende entlassen, das entspricht rund 10 Prozent der Belegschaft.

Messari, die Krypto-Datenplattform, die sich inzwischen selbst als „AI-first“ bezeichnet, hat seit 2023 bereits die dritte Entlassungsrunde angekündigt, ohne konkrete Zahlen zu nennen. Das Unternehmen ist von einem einstigen Ziel von 1.000 Analysten auf heute rund 140 Mitarbeitende geschrumpft.

Rechnet man nur die Unternehmen zusammen, die konkrete Zahlen veröffentlicht haben, kommt man auf rund 450 gestrichene Stellen innerhalb weniger Wochen. Und das könnte erst die Spitze des Eisbergs sein: Im Krypto-Winter 2022 registrierte CoinDesk im Laufe des Jahres über 26.000 verlorene Arbeitsplätze, eine Zahl, die erst nach Monaten vollständig sichtbar wurde.

Die KI-Erzählung: Strategie oder Ausrede?

Das eigentlich Interessante an dieser Entlassungswelle ist nicht die Zahl, sondern die Art, wie sie erzählt wird. Anders als 2022, als die Kürzungen klar mit dem Kursverfall, der Pleite von FTX und steigenden Zinsen zusammenhingen, stellen 2026 viele Unternehmen die Kürzungen lieber als strategischen Wandel hin zur KI dar.

Gemini schrieb in seinem Aktionärsbrief: „KI ist inzwischen zu mächtig, um sie nicht zu nutzen. Sie nicht zu nutzen, wird bald so sein, als würde man mit einer Schreibmaschine statt mit einem Laptop zur Arbeit erscheinen.“

Eine klare Ansage. Doch wie viel davon entspricht der Realität?

Dan Escow, Gründer der Krypto-Recruiting-Agentur Up Top, ist skeptisch: „Ich sehe keinerlei echten Hinweis darauf, dass diese Entlassungen etwas mit einem groß angelegten KI-Ersatz zu tun haben. Ganze Kategorien wie Restaking, DePIN und L2, die einst voller Talente waren, sind praktisch verschwunden. Die Unternehmen sind gezwungen, Kosten zu senken, um Zeit zu gewinnen und herauszufinden, wie es weitergeht.“

Diese Einschätzung bestätigt sich, wenn man sich die betroffenen Positionen ansieht: Die Kürzungen bei Algorand betrafen Community-Management und Business Development, also keine Stellen, die offensichtlich durch KI ersetzbar wären.

Der Krypto-Arbeitsmarkt: ein steiler Absturz

Jenseits der einzelnen Ankündigungen zeichnen die Beschäftigungsdaten der Branche ein besorgniserregendes Bild.

Die Zahl neuer Stellenanzeigen auf den wichtigsten spezialisierten Krypto-Jobplattformen lag im Januar bei rund 6,5 pro Tag, ein Rückgang von etwa 80 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Ein Wert, der wenig Interpretationsspielraum lässt: Der Markt schrumpft, unabhängig davon, ob nun makroökonomische Faktoren oder KI die Hauptursache sind.

Marktumfeld: schwache Kurse, hoher Druck

Das Marktumfeld hilft nicht. Der ALGO-Token von Algorand hat gegenüber seinem Höchststand von 2019 rund 98 Prozent verloren und notiert derzeit bei etwa 0,09 US-Dollar. Bitcoin hat in diesem Quartal 20 Prozent eingebüßt.

Gemini unter der Führung der Winklevoss-Zwillinge hat das Personal vor dem Hintergrund ausgewiesener Verluste von 582 Millionen US-Dollar, fallender Bitcoin-Kurse und schwindender Marktanteile reduziert.

Die Kombination aus schwachen Märkten, weiterhin hohen Zinsen und einem nachlassenden Fundraising im Web3-Sektor erzeugt einen strukturellen Druck, den die KI-Erzählungen nicht beseitigen, aber für Investoren leichter verdaulich machen.

2022 vs. 2026: gleiche Krise, andere Geschichte

Diese Entwicklungen erinnern an frühere Entlassungswellen im Kryptosektor, sind aber nicht ganz dasselbe. Während des Krypto-Winters 2022/2023 hingen die Kürzungen direkt mit dem Kursverfall, steigenden Zinsen und den Nachwirkungen der FTX-Pleite zusammen. 2026 ist das Muster noch erkennbar, doch die Geschichte dahinter hat sich verändert.

Der Hauptunterschied ist folgender: 2022 wurde entlassen, um zu überleben. 2026 wird, zumindest teilweise, entlassen, um modern zu wirken. Das lässt sich sowohl positiv lesen (die Branche ist reifer geworden) als auch kritisch (KI dient als narrative Tarnung für Kürzungen, die eigentlich profanere Gründe haben).

Was in den kommenden Monaten zu erwarten ist

Das wichtigste Signal, das es zu beobachten gilt, sind die Zahlen zu neuen Einstellungen. Sollten die Stellenanzeigen auch in den kommenden Quartalen weiter zurückgehen, lässt sich die These eines echten Schrumpfungszyklus kaum noch von der Hand weisen. Ziehen sie dagegen wieder an, etwa mit einem Fokus auf KI/ML-Profile, fände die Erzählung vom strategischen Wandel eine handfeste Bestätigung.

Fest steht bisher nur, dass der Kryptosektor eine Phase beschleunigter Konsolidierung durchläuft: weniger Unternehmen, schlanker aufgestellt, mit Bilanzen unter Druck und einer gewaltigen Wette auf die Effizienzgewinne der künstlichen Intelligenz. Geht diese Wette auf, wird sich die Funktionsweise der Branche radikal verändern. Geht sie nicht auf, könnte sich im Nachhinein zeigen, dass es sich nur um eine elegante Methode handelte, in einer schwierigen Phase Kosten zu senken.

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