Die von Christine Lagarde geleitete Institution ist historisch gesehen ein Tempel der Gewissheit, doch heute bewegt sie sich in einem Meer der Zweideutigkeit. In den letzten Tagen ist in den Korridoren von Frankfurt und Brüssel ein doppeltes Narrativ in Umlauf gekommen: auf der einen Seite Spekulationen über einen vorzeitigen Ausstieg der Präsidentin, auf der anderen Seite die endgültige Beschleunigung der Einführung des digitalen Euro. Zwei Uhren, die im Einklang ticken und dazu bestimmt sind, das finanzielle Gesicht des Kontinents neu zu gestalten.
Der politische Faktor: die Führungsuhr
Rezente Gerüchte der Financial Times legen nahe, dass Christine Lagarde ihr Amt vor ihrem natürlichen Ablaufdatum im Oktober 2027 verlassen könnte. Der Zeitplan scheint untrennbar mit den französischen Präsidentschaftswahlen im April 2027 verbunden zu sein. In Europa laufen die Geschicke der Institutionen und der nationalen Politik oft zusammen: Eine geordnete Nachfolge würde einen reibungslosen Übergang ermöglichen und Überraschungen für die Märkte vermeiden.
Obwohl ein EZB-Sprecher bekräftigte, dass Lagarde keine Entscheidungen in dieser Angelegenheit getroffen hat und ihrem Mandat verpflichtet bleibt, verleiht das Gefühl einer bevorstehenden Wachablösung jedem Schritt Bedeutung. Lagarde ist nicht nur eine Zentralbankerin; sie ist die "öffentliche Übersetzerin" komplexer Projekte, die das tägliche Leben der Bürger betreffen.
Der technische Countdown: der digitale Euro wird Realität
Während die Politik über die Stühle diskutiert, bewegt sich die technische Maschine der EZB in präzisen Bahnen. Das Projekt des digitalen Euro ist in eine entscheidende Phase getreten. Aktuellen Dokumenten zufolge wird im ersten Quartal 2026 eine Ausschreibung für Zahlungsdienstleister (PSP) gestartet. Die offizielle Veröffentlichung wird für März 2026 erwartet, mit einem Zeitfenster von etwa sechs Wochen für die Sammlung von Interessensbekundungen.
Dies ist nicht mehr nur eine theoretische Übung. Die EZB plant, in der zweiten Jahreshälfte 2027 eine Pilotphase mit einer Dauer von 12 Monaten zu starten. Während dieses Zeitraums werden zwischen 5.000 und 10.000 Mitarbeiter des Eurosystems und eine ausgewählte Gruppe von 15-25 Händlern in einem kontrollierten Umfeld reale Transaktionen durchführen. Wenn die Rechtsvorschriften bis 2026 verabschiedet werden, soll das System 2029 voll funktionsfähig sein.
Die Zahlen, um die es geht: zwischen Milliarden und Billionen
Die Zahlen verdeutlichen das Ausmaß der Herausforderung. Die EZB schätzt die Gesamtentwicklungskosten auf rund 1,3 Milliarden Euro und die jährlichen Betriebskosten auf rund 320 Millionen Euro ab 2029. Das ist eine gewaltige Investition, um eine öffentliche Zahlungsinfrastruktur zu schaffen, die mit privaten Giganten und Stablecoins konkurrieren kann.
Doch das Digitale wird das Physische nicht auslöschen. Im Januar 2026 beläuft sich der Netto-Euro-Banknotenumlauf auf etwa 1,6 Billionen Euro. Diese Zahl ist Teil eines umfassenderen monetären Kontextes, wobei das M2-Aggregat des Euroraums bei 16,07 Billionen Euro liegt (Dezember 2025). Der digitale Euro wird sich in dieses Ökosystem einfügen müssen, ohne die Bankenfinanzierung oder das Vertrauen der Sparer zu destabilisieren.
Ein Horizont der Währungsstabilität
Die Führungsdebatte fällt in eine Zeit relativer makroökonomischer Ruhe. Am 5. Februar 2026 beließ die EZB den Einlagensatz bei 2,00 % und bestätigte damit einen datenabhängigen Ansatz. Die Inflation verlangsamt sich allmählich und sank von 2,0 % im Dezember auf 1,7 % im Januar 2026.
In diesem Szenario niedrigerer Zinssätze wird die Kommunikation zum wichtigsten Instrument. Ob Lagarde oder ihr Nachfolger die Ziellinie überquert, die Herausforderung bleibt dieselbe: Regierungen und Bürger davon zu überzeugen, dass der digitale Euro ein Instrument der Souveränität und nicht der Kontrolle ist. Sollte die Politik zögern und das Gesetz auf 2027 verschoben werden, würde sich die Einsatzbereitschaft des Systems bis 2030 verzögern, was weiteren Raum für eine private, auf dem Dollar basierende Infrastruktur ließe.
Der nächste wichtige Termin ist für März 2026 angesetzt. Dann werden die Unternehmen entscheiden müssen, ob sie sich an den Tisch setzen oder zusehen wollen, wie Europa die Regeln des Geldes neu schreibt.
