Zwei Plattformen dominieren die Welt der Prediction Markets, jener Märkte, auf denen Nutzer mit Ja oder Nein auf reale Ereignisse wetten. Gemeinsam bewegen sie wöchentlich Milliarden von Dollar, laut Daten von CoinGecko und Bloomberg.
Oberflächlich ähneln sie sich, doch ihre Grundlagen könnten unterschiedlicher kaum sein. Genau diese Differenz ist der entscheidende Punkt.
TL;DR: Kalshi ist von der CFTC reguliert, arbeitet mit US-Dollar und richtet sich an amerikanische Nutzer. Polymarket ist crypto-native, nutzt USDC auf der Polygon-Blockchain und ist weltweit zugänglich, nähert sich aber durch die QCEX-Übernahme ebenfalls der US-Regulierung an.
Zwei gegensätzliche Philosophien
Kalshi wurde innerhalb des Systems gegründet. Die Plattform ist seit dem ersten Tag von der CFTC, der US-Aufsichtsbehörde für Derivate, reguliert, operiert in US-Dollar, verlangt eine Nutzeridentifikation und ist auf den amerikanischen Markt ausgerichtet. Ein vollwertiger Derivate-Exchange nach klassischem Vorbild.
Polymarket hingegen entstand außerhalb des Systems. Die Plattform ist crypto-native: Sie läuft auf der Polygon-Blockchain, nutzt die Stablecoin USDC, zeichnet alle Transaktionen on-chain auf und ist weltweit ohne Genehmigungspflicht zugänglich.
Nach einer CFTC-Geldstrafe im Jahr 2022 verließ Polymarket die USA. Um zurückzukehren, vollzog das Unternehmen einen bemerkenswerten Schritt: Es kaufte mit der Übernahme von QCEX, einem bereits autorisierten Exchange, eine bestehende Lizenz. Heute vereint Polymarket eine doppelte Identität, die globale Offshore-Version und die regulierte amerikanische Variante.
Der entscheidende Unterschied: Wer setzt die Regeln?
Die eigentliche Trennlinie ist, wer die Regeln aufstellt und durchsetzt. Bei Kalshi übernimmt das ein internes, reguliertes Clearinghouse. Bei Polymarket in seiner ursprünglichen Form sind es dezentrale On-Chain-Orakel, die das Ergebnis eines Ereignisses festlegen.
Am deutlichsten zeigt sich das bei Märkten rund um Kriegsereignisse. Die CFTC-Regeln untersagen regulierten Plattformen wie Kalshi und Polymarket US, Kontrakte auf Kriege oder Gewaltakte anzubieten.
Die Offshore-Version von Polymarket listet solche Märkte dagegen frei. Dasselbe Ereignis, gegensätzliche Regeln, je nachdem, welche Plattform-Version man nutzt. Hier zeigt sich der Abstand zwischen den beiden Welten, ein Thema, das die gesamte Branche beim Verhältnis zwischen regulierten und permissionless Systemen beschäftigt.
Kapital, Volumen und Verteilung
Hinter beiden Plattformen stecken inzwischen erhebliche Kapitalmengen. Polymarket sicherte sich laut Bloomberg eine Investition von bis zu 2 Milliarden Dollar von Intercontinental Exchange, dem Mutterkonzern der New York Stock Exchange. Kalshi sammelte laut Reuters eine Milliarde Dollar bei einer Bewertung von 11 Milliarden ein.
Die Strategien gehen jedoch auseinander. Kalshi hat stark auf Sport gesetzt, der heute nach eigenen Unternehmensangaben rund 90 Prozent des Volumens ausmacht. Polymarket bleibt auf den Gebieten Politik, Krypto und globale Ereignisse stark und ist offizieller Datenpartner von X für Prognosedaten geworden, ein Erbe jener Aufmerksamkeitswelle, die Prediction Markets mit dem Fall Kalshi und dem Einstieg von Schwab ins Rampenlicht gebracht hat.
Risiken und ethische Fragen
Es gibt einen ethischen Knoten, der die gesamte Branche betrifft. Prediction Markets ähneln in vielem dem Glücksspiel und schaffen Anreize, auf sensible Ereignisse zu wetten.
Das gravierendste Problem ist Insider-Trading: Wer ein Ergebnis früher kennt als andere, kann daraus Gewinn schlagen. Beide Plattformen gehen mit dem Thema um, jedoch mit unterschiedlichen Mitteln. Kalshi hat bereits Sanktionsmaßnahmen eingeleitet, während die Offshore-Version von Polymarket die ernsteren Kontroversen erlebt hat, darunter Verdachtsfälle verdächtiger Wetten.
Die grundlegende Frage bleibt offen: Ist ein Prediction Market ein Finanzinstrument oder ein verkleidetes Kasino? Die Antwort hängt womöglich davon ab, welche der beiden Plattformen man betrachtet. Für DACH-Nutzer kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu: Die BaFin hat sich bislang nicht explizit zu Prediction Markets geäußert, doch wer Gewinne erzielt, muss diese in Deutschland nach §22 EStG als sonstige Einkünfte versteuern.
Welche Plattform wählen?
De facto: die Wahl hängt von den eigenen Prioritäten ab. Wer regulatorische Klarheit, Verbraucherschutz, US-Dollar und legalen Zugang in den USA bevorzugt, für den ist Kalshi die unkompliziertere Wahl.
Wer hingegen globalen Zugang, die On-Chain-Architektur, eine breitere Marktauswahl und USDC bevorzugt, für den ist Polymarket die natürliche Option, wobei die US-Version die regulatorische Lücke Schritt für Schritt schließt. Da es sich in jedem Fall um On-Chain-Plattformen handelt, lohnt es sich, die eigenen Kenntnisse zur Sicherung digitaler Vermögenswerte aufzufrischen.
Die Wahrheit ist: Beide Plattformen nähern sich einander an, da beide inzwischen von der amerikanischen Regulierung erfasst werden. Ihr DNA bleibt jedoch unterschiedlich. Dieser Unterschied spiegelt sich in den angebotenen Märkten und in der Art der Streitbeilegung wider. Derselbe Spannungsbogen zwischen Offenheit und Kontrolle, den man bei den Derivaten von Hyperliquid beobachten kann. Aktuelle Branchenregeln finden sich auf den Seiten der CFTC und des US-Kongresses.
Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Finanzberatung dar. Prediction Markets sind mit Risiken verbunden und unterliegen in vielen Jurisdiktionen gesetzlichen Beschränkungen.
