Leuchtendes KI-Modell wird hinter einem roten Schloss in dunkler Umgebung abgeschaltet
  • Startseite
  • KI
  • Anthropic sperrt Fable 5 und Mythos 5: US-Regierung ordnet KI-Abschaltung an
Von Ilya Bratanov Profilbild Ilya Bratanov
3 min read

Anthropic sperrt Fable 5 und Mythos 5: US-Regierung ordnet KI-Abschaltung an

Fable 5 und Mythos 5 wurden am 12. Juni 2026 auf US-Anordnung abgeschaltet. Anthropic widerspricht der Direktive und spricht von einem Missverständnis.

Freitag, 12. Juni 2026, 17:21 Uhr. Zu genau diesem Zeitpunkt erhält Anthropic vom US-Handelsministerium eine Export-Kontroll-Direktive, die das Unternehmen verpflichtet, jeglichen Zugang zu Fable 5 und Mythos 5 für alle ausländischen Staatsangehörigen zu sperren, unabhängig davon, ob sie sich innerhalb oder außerhalb der USA befinden, einschließlich der ausländischen Mitarbeiter von Anthropic selbst. Da das Unternehmen in Echtzeit nicht unterscheiden konnte, wer amerikanischer Staatsbürger ist und wer nicht, blieb nur eine konforme Option: Beide Modelle wurden vollständig vom Netz genommen. Soweit bekannt, ist dies das erste Mal, dass ein großes KI-Labor ein bereits öffentlich verfügbares Modell auf Bundesanordnung hin vom Markt zurückgezogen hat.

Die Direktive beruft sich laut Axios auf allgemeine Befugnisse zur nationalen Sicherheit, ohne die konkrete Befürchtung zu nennen. Das Dokument soll vom Handelsminister Howard Lutnick unterzeichnet und an Anthropic-Chef Dario Amodei gerichtet worden sein. Mythos 5 war bislang nur den Teilnehmern von Project Glasswing vorbehalten, einem Programm, das Anthropic rund um die Cybersicherheitsfähigkeiten seines fortschrittlichsten Modells aufgebaut hatte. Fable 5 hingegen war erst wenige Tage zuvor öffentlich freigegeben worden. Alle anderen Modelle des Unternehmens bleiben in Betrieb.

Der vermeintliche Jailbreak und seine technischen Grenzen

Anthropic schildert den Hintergrund folgendermaßen: Die Regierung habe geglaubt, eine Methode zum Umgehen der Filter von Fable 5 gefunden zu haben, also einen sogenannten Jailbreak. Ein von Axios zitierter Beamter berichtet, dass die Maßnahme ausgelöst wurde, nachdem ein anderes Unternehmen behauptet hatte, Mythos entsperrt zu haben. Anthropic hat die vorgeführte Technik geprüft und nach eigenen Angaben nur wenige geringfügige, bereits bekannte Schwachstellen gefunden. Der technische Einwand ist klar: Dieselbe Fähigkeit sei auf anderen Modellen, darunter GPT-5.5 von OpenAI, bereits weit verbreitet und werde täglich von Sicherheitsexperten genutzt, die Systeme schützen. Einen Jailbreak-Schutz ohne jede Lücke gibt es laut Anthropic bei keinem Anbieter weltweit.

„Defense in depth“: Anthropics Sicherheitsansatz

Anthropic verteidigt seine Sicherheitsarchitektur. Das Unternehmen erklärt, die Filter von Fable tausende Stunden lang einem Red-Teaming unterzogen zu haben, gemeinsam mit der US-Regierung, dem britischen AISI und externen Teams. Dabei sei bislang kein universeller Jailbreak gefunden worden, der die sensibelsten Funktionen dauerhaft freischalten könnte. Die Kernthese: Perfekte Jailbreak-Resistenz existiert bei keinem Anbieter. Die richtige Antwort sei, Angriffe entweder sehr präzise oder sehr aufwendig zu machen und sie mit kontinuierlichem Monitoring zu kombinieren. Aus diesem Grund hatte Anthropic für Fable eine 30-tägige Datenspeicherungspflicht eingeführt, eine bewusst aufwendige Maßnahme, um Missbrauch zu erkennen und zu neutralisieren. Die vollständige Erklärung ist auf der Anthropic-Website veröffentlicht.

Statement on the US government directive to suspend access to Fable 5 and Mythos 5
The US government has issued an export control directive to suspend all access to Fable 5 and Mythos 5 by any foreign national, whether inside or outside the United States.

Ein Präzedenzfall für Export-Kontrolle von KI-Software

Hier liegt das Präzedenzfall-Problem, das schwerer wiegt als der einzelne Vorfall. Anthropic akzeptiert die Direktive, bestreitet jedoch das zugrundeliegende Prinzip: Ein Modell, das von hunderten Millionen Menschen genutzt wird, wegen eines eng gefassten Jailbreaks zurückzuziehen, würde einen Standard setzen, der künftige Veröffentlichungen der gesamten Branche faktisch blockieren könnte. Das Unternehmen erkennt an, dass die Regierung gefährliche Deployments stoppen können muss, aber innerhalb eines transparenten, fairen und technisch fundierten gesetzlichen Verfahrens. Diese Maßnahme, so Anthropic, erfülle diese Kriterien nicht. Das Besondere: Export-Kontrollen trafen bislang vor allem Halbleiter und Chips. Hier wird erstmals direkt ein Software-Modell erfasst, eine Logik, die sich mit den regulatorischen Entwicklungen in Europa verknüpft, insbesondere dem Digital Omnibus und den ersten nationalen Umsetzungsgesetzen des AI Act.

Die zuständige Behörde ist das US-Handelsministerium, das bereits den Export sensibler Technologien reguliert. Anthropic hat sich für die Unannehmlichkeiten entschuldigt, bezeichnete den Vorgang als wahrscheinliches Missverständnis und kündigte an, den Zugang so schnell wie möglich wiederherzustellen. Offen bleibt, ob die Regierung ihre Entscheidung mit technischen Belegen untermauern wird oder ob der Konflikt in einer raschen Klärung endet. Die Antwort wird zeigen, in welchem Ausmaß der Staat künftig direkt in ein Modell eingreifen kann, das bereits in den Händen von Millionen Menschen liegt. Für DACH-Nutzer und europäische Unternehmen, die Anthropic-Modelle einsetzen, ist dieser Vorgang ein Warnsignal: US-Export-Kontrollen können Dienste jederzeit und ohne Vorwarnung unterbrechen, unabhängig davon, wo sich der Nutzer befindet.

Von Ilya Bratanov Profilbild Ilya Bratanov
Aktualisiert am
KI Verordnung
Consent Preferences