Die Europäische Zentralbank (EZB) hat Klarheit geschaffen: Der digitale Euro ist keine Bedrohung für den Bankensektor, sondern ein "strategischer Rettungsanker". In einem gemeinsamen Beitrag haben EZB-Direktoriumsmitglied Piero Cipollone und Aufsichtsrats-Vizepräsident Frank Elderson die Frankfurter Vision dargelegt: Der digitale Euro ist das notwendige Instrument, um dem Vormarsch von Tech-Konzernen und Stablecoins im europäischen Zahlungsverkehr entgegenzutreten.
Die Warnung der EZB: Europäische Banken verlieren Terrain
Das von den EZB-Spitzen gezeichnete Bild ist ernüchternd. Das europäische Zahlungssystem leidet unter einer chronischen Abhängigkeit von ausländischen Infrastrukturen. Laut den im offiziellen EZB-Blogbeitrag veröffentlichten Daten wickeln nicht-europäische Kartennetzwerke bereits zwei Drittel aller Kartentransaktionen im Euroraum ab.
Diese strukturelle Schwäche zeigt sich besonders auf nationaler Ebene: In 13 der 21 Eurozone-Länder sind Zahlungen im stationären Handel ausschließlich von internationalen Kartensystemen oder ausländischen Mobile-Payment-Lösungen abhängig. Mehr als die Hälfte dieser Länder verfügt zudem über keine inländische E-Commerce-Zahlungslösung mit breiter Akzeptanz. Auch in Deutschland dominieren Visa und Mastercard weite Teile des kartengestützten Zahlungsverkehrs — trotz der starken Verbreitung der Girocard im Inland.
Ein im März veröffentlichtes EZB-Arbeitspapier hat zudem konkrete Risiken durch Stablecoins identifiziert. Deren Wachstum führt laut Bericht bereits zu einem messbaren Rückgang der Einlagen im Retail-Bereich und einer entsprechenden Verringerung der Kreditvergabe an Unternehmen.
Der „dreifache Verlust“ des Bankensektors
Cipollone und Elderson haben darauf hingewiesen, dass Banken ohne ein Gegenmittel einem kumulierten dreifachen Verlust ausgesetzt sind:
- Durch internationale Kartennetzwerke verlieren sie Gebühreneinnahmen.
- Durch Mobile-Payment-Angebote der Big-Tech-Konzerne verlieren sie sowohl Gebühren als auch den Zugang zu Kundendaten.
- Durch Stablecoins riskieren sie den Verlust von Gebühren, Daten und — am gravierendsten — der Stabilität ihrer Retail-Einlagen.
Ein „bankzentriertes“ Vertriebsmodell
Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, hat die EZB den digitalen Euro mit Banken als zentralem Element des Systems konzipiert. Kreditinstitute werden die digitalen Euro-Konten verwalten und damit die direkte Kundenbeziehung sowie den Zugang zu Bonitätsdaten beibehalten.
Kostenseitig plant das Eurosystem, Schema- und Verarbeitungsgebühren vollständig zu eliminieren. Banken würden für erbrachte Leistungen nach einem Modell vergütet, das bereits im Verordnungsvorschlag der Europäischen Kommission verankert ist. Ein entscheidender Wettbewerbsvorteil ist das "Co-Badging": Europäische Debitkarten — darunter potenziell auch die Girocard — könnten mit dem digitalen Euro verknüpft werden und so eine europaweite Akzeptanz ohne Rückgriff auf ausländische Netzwerke für grenzüberschreitende Transaktionen ermöglichen.
Investitionskosten und finanzielle Stabilität
Die EZB schätzt die Gesamtkosten der Investitionen für Banken auf 4 bis 5,8 Milliarden Euro — also rund 1 bis 1,44 Milliarden Euro pro Jahr über vier Jahre. Dies entspricht etwa einem Fünftel der von externen Studien prognostizierten Kosten und 3,4 % des jährlichen IT-Budgets großer Banken für Systemaktualisierungen.
Um Bedenken hinsichtlich der Finanzstabilität zu begegnen, hat Frankfurt strikte Leitplanken vorgesehen: Haltelimits für Privatpersonen, ein Verbot für Unternehmensbestände sowie keine Verzinsung von digitalen Euro-Guthaben. Diese Maßnahmen sollen einen destabilisierenden Abfluss von Einlagen aus Geschäftsbanken verhindern — eine Frage, die auch BaFin und Deutsche Bundesbank im Rahmen ihrer Finanzstabilitätsanalysen intensiv beobachten.
Zeitplan: Pilotphase 2027
Der Fahrplan steht fest. Das Eurosystem plant, 2027 eine Pilotphase zu starten, um die Infrastruktur unter realen Bedingungen zu testen. Sollten die EU-Gesetzgeber die Verordnung bis 2026 verabschieden, könnten die ersten Transaktionen bereits Mitte 2027 stattfinden. Der vollständige Betrieb und die erste offizielle Ausgabe werden für 2029 erwartet.
Der Erfolg des digitalen Euro hängt nun maßgeblich davon ab, wie schnell das Europäische Parlament den Rechtsrahmen finalisiert. Für die EZB ist dies keine reine Innovationsfrage mehr — sondern eine Frage des Überlebens des europäischen Bankenmodells im globalen Zahlungsverkehrsmarkt.
