Es gibt eine Art, Kryptowährungen zu verlieren, die in keinem Sicherheitsleitfaden auftaucht: alles richtig machen und trotzdem alles verlieren. Genau das ist 374 Cardano-Wallets passiert. Ihre Guthaben wurden nicht geleert, weil jemand ein Passwort gestohlen hatte, sondern weil die Signatursoftware die privaten Schlüssel unbemerkt im Klartext auf der Blockchain hinterließ.
SecondFi, das betroffene Wallet, hat heute die endgültige Schließung bekannt gegeben. Der Fall lohnt sich bis ins Detail zu verstehen, denn er enthält die unbequemste Lektion über Self-Custody, die es gibt.
Was passiert ist
SecondFi, das Cardano-Wallet, das als Nachfolger des bekannten Yoroi von EMURGO positioniert wurde, teilte mit, den regulären Betrieb nicht wieder aufzunehmen. Das Team konzentriert sich ausschließlich auf die Rückgabe der Gelder. Der Angriff wurde am 23. Juni entdeckt. Laut dem offiziellen Bericht von SecondFi und dem Sicherheitsunternehmen SlowMist wurden dabei rund 16,1 Millionen ADA (etwa 2,4 Millionen US-Dollar) aus 374 Adressen in drei separaten Wellen gestohlen.
Die Notfallreaktion rettete jedoch ein deutlich größeres Volumen: rund 129 Millionen ADA (knapp 18,5 Millionen US-Dollar) wurden auf einen externen Verwahrer übertragen, bevor die Angreifer Zugriff erlangen konnten. SlowMist schätzt, dass das Gesamtrisiko unter Einbeziehung von Token und NFTs in den kompromittierten Wallets bei über 20 Millionen US-Dollar lag. Eines muss klar festgehalten werden: Die Cardano-Blockchain selbst wurde nicht kompromittiert. Das Problem lag ausschließlich in der Software dieses einen Wallets.
Die Zahlen des Vorfalls
Gestohlene, gerettete und geschätzte Gesamtexposition. Quelle: SecondFi, SlowMist, 2026
- Von Angreifern gestohlen16,1 Mio. ADA
- Im Notfall gerettet129 Mio. ADA
374 betroffene Adressen. Das Cardano-Netzwerk wurde nicht kompromittiert.
Der Mechanismus: Wie man einen privaten Schlüssel verliert, ohne ihn weiterzugeben
Hier wird die Geschichte technisch, und sie lohnt sich zu erklären, weil das zugrundeliegende Prinzip jede Blockchain betrifft. Nicht nur Cardano. Jedes Mal, wenn eine Transaktion signiert wird, verwendet das Wallet den privaten Schlüssel zusammen mit einer Einmalzahl, dem sogenannten Nonce. Dieser Wert sorgt dafür, dass jede Signatur einzigartig ist. Die goldene Regel der Kryptografie mit elliptischen Kurven: Diese Zahl muss vollständig unvorhersehbar und niemals wiederverwendet werden.
Wird der Nonce vorhersehbar oder wiederholt sich, hört die Signatur auf, das Geheimnis zu schützen, und beginnt, es preiszugeben. Aus den öffentlich sichtbaren Signaturdaten kann dann jeder mathematisch den privaten Schlüssel rekonstruieren. Genau das ist hier passiert: Die Software von SecondFi generierte diesen Wert fehlerhaft. Die signierten Transaktionen, alle öffentlich auf der Chain lesbar, enthielten genug Informationen, um die Wallet-Zugangsdaten vollständig wiederherzustellen. Das ist keine neue Schwachstelle, sondern eine der bekanntesten und gefürchtetsten Fallen im gesamten Kryptosektor. Deshalb improvisieren seriöse Entwickler den kryptografischen Teil niemals.
Die härteste Erkenntnis: Die Seed-Phrase war dauerhaft kompromittiert
Es gibt einen Aspekt dieses Vorfalls, der alle üblichen Ratschläge auf den Kopf stellt. Wenn ein Dienst kompromittiert wird, lautet die instinktive Reaktion: Gelder sofort mit der eigenen Recovery-Phrase in ein anderes Wallet verschieben. Hier funktionierte das nicht.
Die Schwachstelle wirkte auf Adressebene und aktivierte sich genau in dem Moment, in dem der Nutzer eine Transaktion signierte. Das bedeutet: Dieselbe Seed-Phrase in ein anderes Wallet zu importieren bot keinerlei Schutz. Die Schlüssel waren bereits ableitbar und blieben es, egal wohin man sie übertrug. Die betroffenen Nutzer wurden ausdrücklich gewarnt, diese Phrasen in keinem anderen Wallet wiederherzustellen. Diese Zugangsdaten waren dauerhaft verbrannt.
Was schützte und was nicht
Die praktische Lektion des Vorfalls
- Hat geschützt: die Nutzung eines Hardware-Wallets. Betroffene Nutzer dieser Kategorie blieben verschont.
- Hat nicht geschützt: die Seed-Phrase in ein anderes Wallet zu übertragen, da der Fehler bereits in den Schlüsseln lag.
- Hat nicht geschützt: die Phrase sicher aufzubewahren, denn das Problem war nicht Diebstahl, sondern fehlerhafte Schlüsselerzeugung.
Was jetzt mit den Betroffenen passiert
Der Rückerstattungsplan läuft, ist aber noch unvollständig. SecondFi hat laut eigener Ankündigung Wallet-Export-Tools für Anfang August und ein Recovery-Portal im Laufe desselben Monats angekündigt. Ein Termin für die Auszahlung der zurückgewonnenen Gelder steht jedoch noch nicht fest. Außerdem fehlt bislang ein vollständiges unabhängiges Audit, das die technische Dynamik im Detail erklärt. Das lässt die Nutzer ohne ein abschließendes Bild des Schadens.
Auf der Ermittlungsseite beschrieb das von EMURGO beauftragte Blockchain-Intelligence-Unternehmen den Hauptangreifer als gut ausgestattet und professionell organisiert. Cardano-Gründer Charles Hoskinson kommentierte den Vorfall: Der gestohlene Betrag möge im Vergleich zu anderen Sektordiebstählen gering wirken, was jedoch diejenigen, die ihre Gelder verloren haben, keineswegs tröste.
Die bleibende Lektion
Die Botschaft dieses Vorfalls ist unbequem, weil sie eine weit verbreitete Vereinfachung demontiert. Viele denken, Self-Custody sei vor allem eine Frage persönlicher Disziplin: Phrase schützen, keine verdächtigen Links anklicken, niemandem vertrauen. Alles richtig. Aber nicht ausreichend. Denn unter diesen Regeln liegt eine Schicht, die man nicht kontrolliert: die Qualität des Codes, der die Schlüssel erzeugt und die Transaktionen signiert.
Daraus ergeben sich zwei konkrete Handlungsempfehlungen. Erstens: Für nennenswerte Beträge sollte man ein Hardware-Wallet bevorzugen, das in diesem Fall genau den Unterschied zwischen Verlierern und Verschonten ausgemacht hat. Zweitens: Man sollte Software mit langer Geschichte, offenem Quellcode und unabhängigen Audits bevorzugen und proprietären Lösungen misstrauen, die Kryptografie auf eigene Faust neu erfinden. Im Bereich Self-Custody reicht Vorsicht allein nicht aus. Man muss auch sorgfältig wählen, wem man jenen Teil anvertraut, den man selbst nicht kontrollieren kann. Wer die technischen Grundlagen vertiefen möchte, findet einen guten Einstieg in unserem Leitfaden zu den Grundlagen einer Blockchain.
