Zum Inhalt springen

Chinas KI-Strategie für die BRICS: Open-Source-Zone und globaler Süden

Xi Jinping schlug auf dem BRICS-Gipfel in Neu-Delhi eine KI-Open-Source-Zone unter chinesischer Führung vor. Zwei konkurrierende Ökosysteme kämpfen um den…

5 Min. Lesezeit Wie wir arbeiten

Während in den USA drei der wichtigsten Protagonisten des KI-Wettrennens öffentlich über eine Verlangsamung des Sektors diskutierten, bot der chinesische Präsident Xi Jinping auf der anderen Seite der Welt eine grundlegend andere Antwort. Auf dem BRICS-Gipfel in Neu-Delhi schlug Xi die Schaffung einer Open-Source-Zone für künstliche Intelligenz vor, die den Mitgliedsstaaten des Blocks vorbehalten sein soll, mit China als Hauptakteur beim Aufbau dieser Initiative. Es handelt sich dabei nicht um einen isolierten Vorstoß, sondern um Teil einer umfassenderen Strategie, mit der Peking KI-Modelle, Rechenkapazitäten und Technologiestandards in den Globalen Süden exportieren will. Chinas KI-Strategie für den Globalen Süden gewinnt damit eine konkrete institutionelle Form.

Das Timing dieser Ankündigung ist alles andere als zufällig, und genau hier lohnt es sich anzusetzen, um die tatsächliche Tragweite der Nachricht zu verstehen. Was hat Xi genau vorgeschlagen, warum kommt es zu diesem spezifischen Zeitpunkt, und welcher umfassendere Wettbewerb könnte sich in den nächsten Jahren abzeichnen?

Zwei KI-Strategien: Verlangsamung gegen offene Expansion
Zwei KI-Strategien: Verlangsamung gegen offene Expansion

Zwei Strategien, ein Wochenende

Der chinesische Vorschlag folgte nur einen Tag nach der Veröffentlichung eines Aufsatzes, in dem führende US-amerikanische KI-Unternehmensvertreter verlangsamtes Entwicklungstempo forderten. Dario Amodei, Sam Altman und Elon Musk hatten sich öffentlich für mehr Vorsicht ausgesprochen, wie wir im Rahmen unserer Berichterstattung zu diesem Thema dargelegt haben. Während die amerikanischen Branchenführer öffentlich über Umsicht und Bremsen diskutierten, erschien Xi Jinping in Neu-Delhi mit einem Vorschlag entgegengesetzten Vorzeichens: nicht bremsen, sondern beschleunigen und vor allem teilen.

Es fällt schwer, diese Abfolge nicht als zwei konkurrierende Visionen der Zukunft der künstlichen Intelligenz zu lesen, die im selben Wochenende zutage traten. Auf der einen Seite stehen die amerikanischen Technologiebauer, die Vorsicht und gemeinsame Regeln einfordern. Auf der anderen bietet China einem Großteil der aufstrebenden Welt offenen und kostenlosen Zugang zu fortgeschrittenen Modellen, und präsentiert sich als echte Alternative zu einem Sektor, der nach Pekings Darstellung Gefahr läuft, in den Händen weniger Unternehmen und weniger Länder zu verbleiben.

Xi pushes 'Greater BRICS' economic ties - Asia & Pacific - The Jakarta Post
Cooperation in areas from politics and security to economics and finance are the main focus areas of the grouping, with 2026 chair India and 2027 chair China seeking wider partnership to boost its global clout.

Was der chinesische Vorschlag vorsieht

Im Detail skizzierte Xi eine Initiative, die laut CCTV und Xinhua fünf Punkte umfasst. Das zentrale Element ist die Schaffung einer sogenannten „Open-Source-Zone für künstliche Intelligenz“, die den Mitgliedsländern des Blocks vorbehalten sein soll. China hat sich bereit erklärt, den Aufbau dieser Zone direkt zu leiten und die Zusammenarbeit bei der Entwicklung und Anwendung großer Sprachmodelle zu fördern. Darüber hinaus sollen spezialisierte Seminare und Ausbildungskurse für Techniker und Forscher der Partnerländer organisiert werden. Das erklärte Ziel, wie Xi es laut Reuters formulierte, ist der Aufbau eines „offenen Ökosystems“, das den Mitgliedern des Blocks ermöglicht, bei der KI-Entwicklung zu kooperieren, anstatt von Technologien abhängig zu bleiben, die von einer kleinen Gruppe von Unternehmen und Nationen kontrolliert werden. Eine wenig verhüllte Anspielung auf die US-amerikanische Dominanz im Sektor.

Neben diesem Hauptvorschlag kündigte Xi laut Reuters auch die Schaffung einer Partnerschaft für Sonderwirtschaftszonen zwischen den Blockländern sowie die Ausrichtung eines Forums für den Dienstleistungshandel im nächsten Jahr in China an. Die BRICS-Gruppe zählt heute elf Mitglieder, darunter Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika, Saudi-Arabien, Iran, Indonesien, Äthiopien, Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate. Zusammen repräsentieren sie einen bedeutenden Anteil der Weltbevölkerung.

Xis Vorschlag im Überblick

Die wichtigsten Punkte. Quelle: CCTV, Xinhua, Reuters, 2026

  • Der Kern: eine von China geführte Open-Source-Zone für KI für die 11 BRICS-Länder.
  • Das erklärte Ziel: ein offenes Ökosystem, das nicht von wenigen Unternehmen und Ländern abhängt.
  • Der Kontext: der Vorschlag kam einen Tag nach dem US-Appell zur KI-Verlangsamung.

Keine Einzelaktion, sondern eine langfristige Strategie

Dieser Vorschlag entstand nicht aus dem Nichts, sondern fügt sich in einen diplomatischen Pfad ein, den Peking seit Monaten verfolgt. Bereits zwei Monate zuvor hatte derselbe Xi Jinping in Shanghai die Gründung einer neuen internationalen Organisation für die Zusammenarbeit im Bereich künstliche Intelligenz angekündigt, die laut Xinhua von 29 Gründungsländern unterzeichnet wurde. Die Konferenz versammelte mehr als 1.400 Teilnehmer und 140 thematische Foren. Der jetzt beim BRICS-Gipfel vorgestellte Vorschlag ist demnach ein weiterer Baustein dieser umfassenderen Strategie, die China als bevorzugten Technologiepartner für die aufstrebenden Volkswirtschaften Asiens, Afrikas, des Nahen Ostens und Lateinamerikas positionieren soll.

Die von chinesischen Unternehmen entwickelten Open-Source-Modelle haben bereits eine beachtliche internationale Verbreitung erzielt, die von vielen westlichen Regierungen öffentlich kaum anerkannt wird. Einige der fortschrittlichsten Sprachmodelle aus chinesischen Labors sind heute in zahlreichen Ländern des Globalen Südens weit verbreitet. Diese neue Initiative zielt darauf ab, dieses Phänomen zu institutionalisieren und weiter zu beschleunigen. Die Strategie ergänzt die chinesischen Prognosen zum wachsenden Rechenbedarf für KI-Inferenz: Während die heimische chinesische Infrastruktur auf Millionen intern operierender KI-Agenten vorbereitet wird, arbeitet Peking parallel daran, eigene Modelle, Rechenkapazitäten und Technologiestandards zu Instrumenten internationalen Einflusses zu machen.

Chinesische KI-Diplomatie: von WAICO zu BRICS
Chinesische KI-Diplomatie: von WAICO zu BRICS

Die größere Lesart

Was wir gerade beobachten, könnte den Beginn einer neuen Phase im globalen KI-Wettbewerb markieren. Jahrelang konzentrierte sich die öffentliche Debatte fast ausschließlich auf die direkte Konfrontation zwischen den USA und China bei der Entwicklung des leistungsfähigsten Modells. Was nun mit zunehmender Deutlichkeit hervortritt, ist eine zweite Dimension desselben Wettbewerbs, die möglicherweise ebenso entscheidend ist: der Kampf um die technologische Loyalität von Dutzenden aufstrebender Länder, die noch entscheiden müssen, auf welchem Ökosystem sie ihre digitale Zukunft aufbauen wollen.

Für den Beobachter ist die Lektion zweigeteilt. Die chinesische Strategie, bestehend aus kostenlosen Modellen, technischer Ausbildung und institutioneller Kooperation, stellt einen grundlegend anderen Ansatz dar als der vorsichtige und stärker regulierte Kurs, der sich in den USA in diesen Wochen abzeichnet. Das Thema ist eng verbunden mit wachsenden Bedenken über systemische KI-Risiken, wie sie etwa der Gouverneur der Bank of England im Rahmen der G20-Diskussionen geäußert hat. Andererseits wird das eigentliche Ergebnis dieses Ökosystem-Wettbewerbs nicht in den fortschrittlichsten Forschungslabors entschieden, sondern in den täglichen Entscheidungen von Entwicklern, Unternehmen und Regierungen in Dutzenden von Ländern. Sie werden in den kommenden Jahren festlegen, auf welchen technologischen Fundamenten ihre digitalen Volkswirtschaften errichtet werden. Ein stilles, aber möglicherweise entscheidendes Spiel, das dieselbe Aufmerksamkeit verdient wie das sichtbarere Rennen um die leistungsfähigsten KI-Modelle der Welt.

Werbeinhalt
Bloggerverzeichnis Bloggerei.de - Wirtschaftsblogs