Deutschland fehlen laut einer aktuellen Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung (ifo Institut) wesentliche Voraussetzungen, um das enorme Wachstumspotenzial der künstlichen Intelligenz zu nutzen. Auftraggeber der Untersuchung waren die Industrie- und Handelskammer München und Oberbayern, also ausgerechnet die Vertreter des wohlhabendsten Bundeslandes. Die Sorgen, die dort seit Längerem über Deutschlands Anpassungsfähigkeit bestehen, haben sich bestätigt.
Wandel läuft der Politik weit voraus
„Die High-Tech-Industrie ist in Deutschland noch zu klein. Die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung hat Fortschritte gemacht, aber diese sind noch unzureichend, und das Bildungssystem passt sich nicht schnell genug an die durch die künstliche Intelligenz eingeleiteten tiefgreifenden Veränderungen an.“
So Oliver Falck, Direktor des ifo Center for Economics of Innovation and Digital Transformation, in einem Statement gegenüber dem ifo Institut. Der Informations- und Kommunikationstechnologiesektor (IKT) trägt laut ifo-Daten lediglich 4,6 Prozent zur deutschen Bruttowertschöpfung bei, obwohl er durch KI-Entwicklungen so stark wächst wie kein anderer Bereich. Ein solcher Anteil katapultiert Deutschland, das jahrelang als Lokomotive Europas galt, in das untere Mittelfeld der EU-Rangliste zur digitalen Transformation.
Besonders alarmierend: Deutschland importierte laut ifo-Studie im Jahr 2025 Technologiedienstleistungen im Wert von 11 Milliarden Dollar mehr, als es exportierte. Das ist kein Randproblem, sondern ein strukturelles Defizit mit geopolitischen Folgen.
„Kein anderes Land der Europäischen Union ist im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien so stark vom Ausland abhängig. Deutschland ist in diesem Bereich zu stark importabhängig.“
Das stellte Christian Pfaffl fest, Forscher am ifo Institut und Mitautor des Berichts.
Digitalisierung der Verwaltung: kaum Fortschritte in 15 Jahren
Während andere EU-Länder, darunter Italien mit Mitteln aus dem nationalen Wiederaufbauplan (PNRR), gezielt Digitalisierungsprojekte finanziert haben, wurde dieser Bereich in Deutschland über zu viele Jahre hinweg vernachlässigt. Das ifo Institut hält diesen Befund in seinem Bericht ausdrücklich fest.
Der Rückstand zeigt sich nirgendwo deutlicher als in der öffentlichen Verwaltung. Dort hat Deutschland im vergangenen Jahrzehnt laut ifo-Analyse kaum messbare Fortschritte erzielt, obwohl gerade hier KI den größten Mehrwert für Unternehmen und Bürger liefern könnte. Vorhandene Verwaltungsdaten ließen sich mit KI-Modellen strukturieren, zusammenfassen und effizienter nutzbar machen.
Stattdessen befindet sich Berlin noch in einer Experimentierphase. Die Verfügbarkeit vorausgefüllter Formulare ist in vielen Bundesländern noch sehr gering oder gar nicht vorhanden, obwohl Nachbarländer wie die Niederlande, Dänemark, Polen und Österreich solche Lösungen bereits flächendeckend einsetzen. Dieser Rückstand ist symptomatisch für Deutschlands Position im globalen Wettbewerb um KI-Infrastruktur. Dass gerade die größte Volkswirtschaft der Eurozone in diesem Bereich hinterherhinkt, überrascht und beunruhigt zugleich.
Digitale Kompetenzen weit unter EU-Durchschnitt
Ein digital rückständiges Land prägt auch seine Bevölkerung. Fortgeschrittene digitale Kompetenzen sind in Deutschland alles andere als selbstverständlich: Die IT-Kenntnisse liegen laut ifo-Daten deutlich unter dem EU-Durchschnitt.
Rund 40 Prozent der Schülerinnen und Schüler im achten Schuljahr erreichen nicht einmal Kompetenzstufe 2 in Informatik und digitalem Informationsmanagement. Das entspricht in etwa der siebten oder achten Klasse im deutschen System. Wer so früh den Anschluss verliert, holt ihn selten wieder auf.
„KI-Anwendungen verbreiten sich rasant, aber zu viele Menschen verfügen nicht über das nötige Wissen, um sie produktiv zu nutzen.“
Falck benennt damit ein endemisches Problem: Der Mangel an Kompetenzen bremst nicht nur die Produktivität, sondern auch die Offenheit gegenüber technologischen Neuerungen. Die EU-Kommission unter Ursula von der Leyen hat angekündigt, die Investitionen in Technologie deutlich zu erhöhen. Sollten diese Pläne umgesetzt werden, könnten alle Mitgliedstaaten profitieren, Deutschland eingeschlossen. Für ein Land, das den Anschluss an die USA und China nicht verlieren darf, wäre das ein wichtiger Impuls. Andernfalls riskiert Deutschland eine strukturelle Abhängigkeit von außen, die auch außenpolitisch ein erhebliches Risiko darstellt.


