Steve Eisman, der amerikanische Investor, der während der Finanzkrise 2008/2009 mit Wetten gegen den US-Immobilienmarkt bekannt wurde, hat eine bemerkenswerte Position zur Künstlichen Intelligenz. Seiner Einschätzung nach weist der KI-Boom einen grundlegenden Schwachpunkt auf, der bislang zu wenig Beachtung findet.
OpenAI und Anthropic, die beiden dominierenden Akteure in diesem Sektor, befinden sich mitten in einem Wettlauf um den Börsengang, um sich neues Kapital zu sichern. Beide Unternehmen investieren Milliarden in Rechenleistung. Doch stellt sich die Frage: Werden bald günstigere Konkurrenzmodelle entstehen? Und wenn ja, wären die beiden Konzerne gezwungen, ihre Preise zu senken und damit ihr Wachstumspotenzial zu gefährden?
Eismans Analyse bei CNBC
Im Interview mit dem US-Finanzsender CNBC erklärte Eisman, dass Chiphersteller und Cloud-Anbieter zu stark von der finanziellen Gesundheit der KI-Giganten abhängen. Wörtlich sagte er:
„Die gesamte Lieferkette der Halbleiter- und Elektronikindustrie hängt mittlerweile von der Lage bei Anthropic und OpenAI ab.“
Sollten die Investitionsmöglichkeiten der KI-Pioniere einbrechen, wären die Folgen für zahlreiche Unternehmen und viele Beschäftigte gravierend.
Nicht jeder teilt Eismans Einschätzung. Morningstar etwa sieht die Lage deutlich anders und kommt zu einem gegenteiligen Schluss.
Morningstars Gegenposition
Morningstar argumentiert, dass die enorme Größe der beiden führenden KI-Labore diese auf mittlere und lange Sicht schützt und damit auch die abhängige Elektronikindustrie absichert. Wer wie OpenAI und Anthropic riesige Mengen an Rechenkapazität abnimmt, erhält Konditionen, die kleinere Wettbewerber schlicht nicht erreichen können. Das ist klassische Skalenökonomie.
Laut einer Morningstar-Analyse haben Anthropic und OpenAI mehrjährige Vorzugsverträge mit dem Chiphersteller Nvidia abgeschlossen, die es ihnen erlauben, DGX-B200-Server, die Basis für die Entwicklung von Frontier-KI-Modellen, zu einem Preis von 2,25 Dollar pro GPU-Stunde zu beziehen. Der reguläre Listenpreis dieses Hochleistungs-Ökosystems liegt laut Morningstar bei 16,11 Dollar pro GPU-Stunde. Ein beträchtlicher Unterschied.
Nach Berechnungen von Morningstar kann ein Gigawatt Rechenleistung die beiden Unternehmen jährlich rund 9 Milliarden Dollar kosten. Ein kleinerer Konkurrent ohne langfristige Abnahmeverpflichtungen würde für dieselbe Leistung bis zu 66 Milliarden Dollar zahlen, ohne jegliche Rabattierung.
„Die großen Labore sind heute die einzigen Abnehmer, die sich in Umfang und Dauer so binden können, dass solche Preisnachlässe gerechtfertigt sind.“
So Morningstar. Die Analysten heben zudem einen weiteren Wettbewerbsvorteil hervor: die größere Kundenbasis, die mehr Nutzerfeedback und damit eine schnellere Produktverbesserung ermöglicht. Der geschätzte jährliche Kostenvorteil beim Technologieeinkauf beläuft sich laut Morningstar auf rund 57 Milliarden Dollar.
Günstigere Alternativen gewinnen Marktanteile
Marktanalysen, darunter eine aktuelle Untersuchung der Plattform Vercel, zeigen, dass Unternehmenskunden ihre KI-Ausgaben zunehmend auf mehrere Anbieter verteilen. Modelle wie Claude Duet oder die Frontier-Modelle von OpenAI, die auch ohne Internetverbindung funktionieren, stehen vor wachsendem Wettbewerb durch günstigere Alternativen. Laut Vercel-Daten ist die Ausgabe für KI-Modelle seit Dezember des Vorjahres um das Zehnfache gestiegen, wobei günstigere Anbieter kontinuierlich Boden gutmachen.
Eine ernsthafte Bedrohung der Marktführerschaft von OpenAI und Anthropic ist derzeit noch nicht erkennbar. Dennoch wächst ein breites Feld kleinerer KI-Unternehmen heran, die bei anhaltendem Erfolg zwangsläufig Marktanteile der beiden Platzhirsche übernehmen werden.
Sobald sich das Wettbewerbsumfeld stärker angleicht, rücken Fragen wie die von Steve Eisman in den Mittelpunkt: Wie lange können die KI-Konzerne ihre Preisgestaltung und Gewinnmargen noch frei bestimmen? Für DACH-Investoren, die in Chip-Zulieferer oder Cloud-Infrastrukturwerte engagiert sind, ist das eine Frage, die schon heute eine Antwort verdient.


