Andrew Bailey, Gouverneur der Bank of England und Vorsitzender des Financial Stability Board, schlägt Alarm: Künstliche Intelligenz könnte zum gravierendsten Sicherheitsrisiko für das globale Finanzsystem werden, das wir je kannten. Ein einziger gezielter Cyberangriff auf einen gemeinsam genutzten Technologieanbieter reicht aus, um mehrere Finanzzentren gleichzeitig lahmzulegen. Das klingt nach Worst-Case-Szenario, ist aber laut Bailey eine reale und wachsende Gefahr.
Baileys Warnungen an die G20
Bailey vereint zwei wichtige Ämter in einer Person: Er leitet die Bank of England und führt das Financial Stability Board, das internationale Gremium für Finanzstabilität, das sich intensiv mit Kryptowährungen und digitalen Assets als zentralen Akteuren der modernen Finanzwelt befasst. In dieser Doppelrolle verfasste er kurz vor dem G20-Treffen in North Carolina, das an einem Dienstag und Mittwoch stattfand, ein offizielles Schreiben an die Finanzminister und Zentralbankgouverneure der G20-Staaten.
Im Mittelpunkt des Schreibens steht die Bedrohung durch sogenannte Frontier-KI-Modelle, also die leistungsfähigsten und am weitesten entwickelten KI-Systeme der Gegenwart. Diese Systeme zeigen zunehmend ausgeprägte Fähigkeiten zur autonomen Problemlösung und verfügen über sogenannte Threat Capabilities in digitalen Ökosystemen. Konkret bedeutet das: Man kann diese Systeme anweisen, einen massiven Cyberangriff auf eine Finanzinfrastruktur zu starten. Und, noch beunruhigender, man kann ihnen befehlen, solche Angriffe so lange zu wiederholen, bis sie erfolgreich in ein System eindringen. Anders als menschliche Angreifer werden sie dabei nicht müde.
Baileys Sorgen reihen sich ein in eine wachsende Debatte über die Sicherheit dezentralisierter Finanzsysteme. Bereits im Frühsommer hatte Manuel Aráoz, ehemaliger CTO und Mitgründer von OpenZeppelin, DeFi als strukturell unsicher bezeichnet. Für DACH-Investoren, die zunehmend in DeFi-Protokolle und tokenisierte Assets investieren, ist diese Einschätzung besonders relevant.
Globales Finanzsystem unter Cyber-Beschuss
Fortschrittliche KI-Modelle könnten, so Bailey in seinem Schreiben, Cyberangriffe in ihrer Geschwindigkeit und Reichweite grundlegend verändern. Werden Sicherheitslücken in einem bestimmten Verteidigungssystem erst einmal identifiziert, lassen sich mehrere Ziele gleichzeitig und in rascher Folge attackieren. Das Tempo, mit dem dies geschehen kann, übersteigt die Reaktionsfähigkeit menschlicher Sicherheitsteams bei Weitem.
Für den Finanzsektor ist das Problem besonders akut. Sämtliche großen Banken, Marktinfrastrukturen und Technologieunternehmen greifen auf dieselben Anbieter und Plattformen zurück. Trifft ein Angriff einen großen Technologiedienstleister, der von mehreren Institutionen gemeinsam genutzt wird, kann die Störung sich rasant ausbreiten. Jurisdiktionsgrenzen spielen dabei kaum eine Rolle. Dabei Das gesamte System gerät unter Druck.
Bailey fordert in seinem Brief die Finanzinstitutionen auf, dieses Risiko nicht zu unterschätzen. Er verlangt eine deutliche Stärkung der Abwehrkapazitäten und warnt vor der Gefahr simultaner Betriebsunterbrechungen bei Unternehmen, die durch gemeinsam genutzte Technologien miteinander verbunden sind. Für BaFin-beaufsichtigte Institute in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist das eine direkte Handlungsaufforderung.
Wie verteidigt man sich wirkungsvoll?
Das Financial Stability Board untersucht derzeit, wie dieselben Frontier-Modelle, die die Bedrohung darstellen, als Cyber-Verteidiger eingesetzt werden können. Der Ansatz ist naheliegend: KI gegen KI. Doch das FSB betont ausdrücklich, dass man sich nicht ausschließlich auf Technologie verlassen darf, um derart sensible Assets zu schützen. Menschliche Verteidigungsteams bleiben unverzichtbar.
Auf globaler Ebene seien Verbesserungen beim Schwachstellenmanagement, den Reaktionsfähigkeiten und insbesondere den Wiederherstellungskapazitäten nötig. Konkret erwähnt das FSB die Möglichkeit, nach einem schwerwiegenden Angriff auf physische Bare-Metal-Infrastrukturen zurückzugreifen: ausreichend isolierte und geschützte Systeme, die als echte Rückzugspunkte und Backups des Hauptnetzwerks fungieren können.
KI kann sowohl Angriffe als auch Abwehr beschleunigen. Ein Umfeld, in dem Schwachstellen mit immer höherer Geschwindigkeit entdeckt und behoben werden, kann eine wirksame Verteidigungslinie gegen Cyberangriffe bilden. Allerdings muss die Geschwindigkeit, mit der Gegenmaßnahmen entwickelt werden, sorgfältig gesteuert werden. Andernfalls riskiert man, dass die Systeme ausgerechnet durch das Element unzugänglich gemacht werden, das sie sichern soll.
KI verschärft bestehende Schwächen des Finanzsystems
Bailey stellt klar, dass das globale Finanzsystem schon vor dem Aufkommen der KI fragil war. Die KI hat diese Anfälligkeit nicht geschaffen, sondern lediglich vertieft.
An den Aktienmärkten ist der Einsatz von Fremdkapital stark gestiegen: über gehebelte ETFs und Anlagestrategien, die sich auf gut performende Titel konzentrieren. Darunter befinden sich zwangsläufig auch Aktien von KI-Unternehmen, die derzeit weltweit kräftig wachsen. Das schafft eine paradoxe Situation: Dieselbe Fintech-Branche könnte durch ihre Investitionsstrategie jene Technologie mitfinanzieren, die ihre eigene Stabilität gefährdet.
Das Risiko ist vielschichtig. Es geht nicht nur darum, dass eine gut trainierte KI den Wert der Unternehmen, die sie entwickeln, zum Einsturz bringt. Die eigentliche Gefahr besteht darin, dass ein Marktcrash und ein Cyber-Schock, ausgelöst durch dieselbe Ursache, sich gegenseitig verstärken und zu einer Spirale werden, die kaum noch zu stoppen ist. Anleger in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die in KI-Aktien oder KI-nahe digitale Assets investiert haben, sollten diese systemischen Wechselwirkungen bei ihrer Risikoabwägung berücksichtigen.




