Der US-Kongress hat den GENIUS Act verabschiedet. Zehn Monate später schreiben OCC, FDIC und FinCEN noch immer die operativen Vorschriften, die das Gesetz für alle greifbar machen, die Stablecoins im amerikanischen Markt ausgeben, halten oder verwalten. Tether weiß noch nicht mit Sicherheit, ob das Unternehmen ab 2027 ohne eine strukturelle Anpassung seines Reservemodells legal in den USA operieren kann.
Zur Größenordnung: Der Stablecoin-Markt übersteigt laut CoinGecko aktuell eine globale Marktkapitalisierung von 240 Milliarden US-Dollar. Tethers USDT hält dabei einen Anteil von über 67 Prozent, Circle USDC liegt bei rund 27 Prozent. Der Rest verteilt sich auf PayPal USD, DAI und eine Reihe kleinerer Emittenten. Die Frage, die die Branche jetzt beschäftigt, ist nicht ob der GENIUS Act etwas verändert, sondern wann und für wen.
Was sieht der GENIUS Act für Stablecoins vor?
Das Gesetz, das am 18. Juli 2025 mit 308 Ja-Stimmen im Repräsentantenhaus und 68 im Senat verabschiedet wurde, legt erstmals in den USA fest, wer eine „Payment Stablecoin“ ausgeben darf und nach welchen Regeln. Die kurze Antwort: Nur wer den Status eines permitted payment stablecoin issuer von einem qualifizierten Bundes- oder Staatsregulator erhält.
Die Reserven müssen ausschließlich aus Bargeld, versicherten Bankeinlagen und kurzfristigen US-Staatsanleihen bestehen. Bitcoin als Reserveanlage ist ausgeschlossen. Dabei Risikobehaftete Assets sind nicht zulässig. Das Rückgabesystem muss jederzeit funktionieren, mit klaren Offenlegungspflichten und regelmäßigen Audits. Stablecoins, die diese Kriterien erfüllen, werden weder als Securities noch als Commodities eingestuft, sondern fallen in einen eigenständigen dritten regulatorischen Rahmen. Für die Branche ist das ein struktureller Gewinn.
Die entscheidende Schwelle liegt bei 10 Milliarden US-Dollar Marktkapitalisierung: Wer sie überschreitet, muss innerhalb von 360 Tagen in das bundesweite OCC-Regime wechseln oder eine Ausnahmegenehmigung beantragen. Für Tether und Circle, die diese Schwelle bereits weit überschritten haben, ist das keine zukünftige Frage mehr.
Wie funktioniert das in der Praxis: Emittenten, Reserven und Aufsicht
OCC, FDIC und FinCEN haben ihre Proposed Rules zwischen Februar und April 2026 nacheinander veröffentlicht. Drei verschiedene Behörden, drei Regelwerke, die koordiniert werden müssen. Das OCC Bulletin 2026-3 vom 25. Februar 2026 ist das wichtigste Dokument für Nationalbanken und Nichtbanken, die den Status eines Federal Qualified Payment Stablecoin Issuer anstreben. Die Kommentierungsfrist lief bis zum 1, wobei mai 2026. Wer an der Konsultation teilgenommen hat, gestaltet die endgültige Regel bereits mit.

Circle hat als Erste reagiert. CPN Managed Payments, am 8. April 2026 gestartet, bringt USDC in Banken und Fintechs, ohne dass diese digitale Assets direkt verwalten müssen. Ein Produkt, das exakt auf die Welt nach dem GENIUS Act zugeschnitten ist. Tether, das hauptsächlich offshore auf den Britischen Jungferninseln operiert, befindet sich in einer heikleren Lage: Das Gesetz erlaubt ausländischen Emittenten den Betrieb in den USA nur, wenn das US-Finanzministerium bestätigt, dass ihre Jurisdiktion „vergleichbare“ Vorschriften hat. Diese Zertifizierung erfolgt nicht automatisch.
Beim Thema Geldwäschebekämpfung haben FinCEN und OFAC am 9. April 2026 eine gemeinsame Regelung veröffentlicht, die Stablecoin-Emittenten als Finanzinstitute im Sinne des Anti-Money-Laundering-Rechts behandelt. Jede Transaktion ab bestimmten Schwellenwerten erfordert Kundendaten, Berichte über verdächtige Aktivitäten und ein strukturiertes Compliance-Programm.
Stablecoin-Transaktionen übersteigen weltweit bereits das Volumen von Visa. Der GENIUS Act hat dieses Wachstum nicht gebremst, sondern beschleunigt, weil Institutionen, die auf regulatorische Klarheit gewartet hatten, diese nun zumindest auf dem Papier haben.
FinCEN hat die gemeinsame Regelung am 9. April 2026 über X erläutert: aktuelle Posts von @FinCEN_News auf X.
Was ändert sich für europäische Marktteilnehmer?
Stablecoin-Markt nach Marktkapitalisierung, Anteil in % · Mai 2026
Quelle: CoinGecko · Mai 2026
Für Akteure aus der EU stellt sich nicht die Frage, ob der GENIUS Act sie unmittelbar betrifft. Die relevantere Frage ist, ob er das Spielfeld indirekt verändert. Die Antwort lautet ja, in drei konkreten Punkten.
Erstens: Wer Stablecoins für grenzüberschreitende Zahlungen an amerikanische Kunden nutzt, muss möglicherweise ausschließlich mit GENIUS-Act-zertifizierten Emittenten arbeiten. Nicht zertifizierte Optionen werden im institutionellen Bereich an Boden verlieren. Zweitens: Europäische Banken, die ihr Krypto-Engagement 2026 ausbauen, müssen prüfen, ob die von ihnen genutzten Stablecoin-Produkte der neuen amerikanischen Taxonomie entsprechen. Die doppelte Compliance aus MiCA und GENIUS Act wird de facto zur Voraussetzung, um in beiden Wirtschaftsräumen tätig zu sein. Drittens: Der GENIUS Act entwickelt sich zum globalen Referenzrahmen, nicht als Alternative zu MiCA, sondern als zweite Schicht, die parallel erfüllt werden muss.
Für BaFin-regulierte Institute und DACH-Nutzer ergibt sich daraus ein konkreter Prüfauftrag: Welche Stablecoins in Produkten und Portfolios sind GENIUS-Act-konform, und welche könnten bei institutionellen USD-Flusszahlungen künftig nicht mehr akzeptiert werden? Der Unterschied zwischen einem zertifizierten und einem nicht zertifizierten Emittenten könnte erhebliche Auswirkungen auf Abwicklungsprozesse haben.
Was jetzt zu tun ist
Das Datum, das man im Kalender markieren sollte, ist der 18. Januar 2027. Bis dahin werden die meisten finalen Regelungen in Kraft treten. Doch die Zwischenfristen zählen bereits: Wer eine Börse oder Plattform betreibt, die Stablecoins integriert, muss jetzt bewerten, welche Emittenten konform sein werden und welche den Zugang zum US-Markt riskieren.
Der CLARITY Act, der Bitcoin als CFTC-Commodity behandelt und die Zuständigkeit für einen Großteil der Altcoins neu definiert, bewegt sich parallel zum GENIUS Act. Zwei verschiedene Gesetze, die gemeinsam den amerikanischen Regulierungsrahmen für 2026 und 2027 formen. Wer nur eines davon verfolgt, sieht erst die Hälfte des Bildes.
Zentralisierte Börsen, die Stablecoin-Einlagen akzeptieren, müssen die Certification List des US-Finanzministeriums beobachten. Sollte Tether die Prüfung nicht bestehen, könnte USDT im institutionellen grenzüberschreitenden Bereich gegenüber USDC an Boden verlieren. Kein sicheres Szenario, aber eines, das einkalkuliert werden muss.
Aufschlussreich sind die Ergebnisse der OCC-Konsultation: Laut den veröffentlichten Kommentaren haben 47 Organisationen bis zum 1. Mai 2026 formelle Stellungnahmen eingereicht, darunter Visa, JPMorgan, Coinbase und drei europäische Zentralbanken als informelle Beobachter. Das Konsultationsfenster ist geschlossen. Wer den Prozess nicht aktiv mitverfolgt hat, arbeitet jetzt mit dem Ergebnis anderer.

