Claudio Cuccovillo wollte eine PlayStation mit seinen Kryptowährungen kaufen. Es gelang ihm nicht ohne Weiteres. „Das Geld gehörte mir, die Genehmigungsstruktur sagte das Gegenteil“, erzählt der Gründer von Genghis, der Plattform, aus der der Crypto Livability Index hervorgegangen ist. Aus dieser persönlichen Frustration entstand ein Datenpunkt, der alle Europäer betrifft, und Italien ganz besonders: In Europa liegt der Engpass nicht darin, Krypto zu kaufen, sondern darin, damit reale Güter und Dienstleistungen zu bezahlen.
Ein unbequemes Bild, denn es trifft ein Land, das auf dem Papier fast alles richtig gemacht hat.
Platz 7 weltweit für Infrastruktur, Platz 31 für Bedarf
Der Crypto Livability Index misst etwas anderes als die üblichen Adoptionsindizes. Er zählt nicht, wie viele Menschen Krypto kaufen, sondern wo man tatsächlich in Krypto leben kann: Gehalt in Krypto empfangen, es halten, damit eine Rechnung bezahlen. 79 Länder, fünf Säulen, 22 Unterindikatoren, Daten aktualisiert zum 31. Dezember 2025.

In dieser Rangliste erreicht Italien den siebten Platz weltweit für technische Kapazität, die sogenannten Rails: zugängliche Börsen, funktionierende On- und Off-Ramps, ein Ausgabepfeiler, der im Datensatz die volle Punktzahl erzielt. Dann wendet der Index aber das an, was Genghis den Need Multiplier nennt, den Bedarfsmultiplikator, der die technische Kapazität daran gewichtet, wie sehr die Bevölkerung Krypto tatsächlich benötigt: Inflation, Erwachsene ohne Bankkonto, Überweisungen, Kapitalkontrollen, Sanktionen. Und hier fällt Italien auf Platz 31 zurück und verliert vierundzwanzig Positionen.
Der Grund liegt in einer einzigen Zahl: Italiens Bedarfsindex beträgt 0,04. Laut den Indexdaten von Genghis liegt die Inflation bei 2,7 Prozent, rund 14 Prozent der Erwachsenen haben kein Bankkonto, es gibt keine Kapitalkontrollen und keine Sanktionen. „Ein stabiles Land fällt zurück, weil Krypto dort eine Option ist, keine Notwendigkeit“, erklärt Cuccovillo. „Die Infrastruktur ist ausgezeichnet, aber niemand ist darauf angewiesen, um zu leben.“ Das ist kein Fehler des Index. Der Index funktioniert genau so, wie er konzipiert wurde.
Nahezu identische Kapazität wie Argentinien, aber halb so viel Alltagsnutzung
Technische Kapazität (Raw Score) vs. Livability (Score x100). Quelle: Crypto Livability Index, Genghis, Datensatz CC BY 4.0
„Owning is not living“
Um das Paradox zu verstehen, lohnt ein Blick auf die Spitzenreiter der Rangliste: Argentinien, El Salvador, Ukraine, Nigeria, Türkei, Venezuela. Länder, in denen, wie Cuccovillo ohne Umschweife sagt, „die Währung oder die Banken die Menschen verraten haben: Krypto ist dort Plan A, kein Investment“.
Italien ist das genaue Gegenteil. Hier ist Krypto eine Wahl, keine Überlebensstrategie. Das ist eine gute Nachricht für die Stabilität des Landes, zugleich aber auch die Decke für seine Adoption. „Besitzen und leben sind zwei verschiedene Dinge“, lautet die zentrale Unterscheidung des Reports. Owning is not living: Man kann Krypto besitzen, ohne dass dies das tägliche Leben im Geringsten verändert. BranchenSchätzungen zufolge hält etwa jeder sechste Italiener Krypto-Assets, doch der Besitz bleibt weitgehend vermögensbezogen und weit entfernt vom laufenden Gebrauch.
Die Kapazität ist da. Der Grund fehlt.
Dass die italienische Infrastruktur real ist, ist keine Meinung. Im Datensatz erzielt der Ausgabepfeiler die Höchstpunktzahl. Vor Ort sind die Signale konkret: das Bitcoin Valley in Rovereto mit seinem Netzwerk von Händlern, die Bitcoin-Zahlungen akzeptieren, ist das meistzitierte Beispiel für eine organisch gewachsene Krypto-Wirtschaft in Italien. Zudem wächst das Netz von Krypto-ATMs im ganzen Land.
Auch das Bankensystem bewegt sich, und hier ist Präzision gefragt, denn Schlagzeilen vereinfachen gerne. Intesa Sanpaolo kaufte im Januar 2025 elf Bitcoin und baute ein Krypto-Engagement auf, das laut den Angaben der Bank von rund 96 Millionen Dollar Ende 2025 auf rund 235 Millionen Dollar im März 2026 anwuchs, deklariert als proprietäres Trading und überwiegend über ETFs kanalisiert. UniCredit ging einen anderen Weg: Die Bank platzierte für institutionelle Kunden ein an den iShares Bitcoin Trust gebundenes Zertifikat und beteiligt sich an einem europäischen Bankenkonsortium für eine MiCA-konforme Euro-Stablecoin. Kein selbstgehaltenes Bitcoin, aber dieselbe Richtung: Italiens Banken bewegen sich von der Beobachtung zur Operativität.

Das Bild ist also das einer latenten Kapazität, die auf einen Nutzungsanlass wartet. Der Vergleich mit den Schlusslichtern der Rangliste bestätigt das im Kontrast: Kuba und Libanon verzeichnen den höchsten Bedarf im gesamten Index und kommen dennoch nicht an die Spitze, weil defekte Infrastruktur die Punktzahl nach oben begrenzt. „Italien ist das Gegenteil“, stellt Cuccovillo fest. „Kuba braucht Jahre an Infrastrukturaufbau; Italien fehlt ein einziger alltäglicher Anwendungsfall, der Krypto komfortabler macht als die Alternative.“
Das Steuerrecht trifft genau den schwachen Hebel
Hier liegt der Knoten, der die italienische Geschichte noch schärfer zeichnet. Seit dem 1. Januar 2026 ist der Steuersatz auf Kursgewinne aus Krypto-Assets von 26 Prozent auf 33 Prozent gestiegen, der bisherige Freibetrag von 2.000 Euro wurde abgeschafft, und die einzige verbliebene Ausnahme von 26 Prozent gilt für MiCAR-konforme Euro-EMTs. Eine Verschärfung, die Italien genau dort anhebt, wo der reale Bedarf strukturell bereits niedrig ist.
Man greift nicht in die Infrastruktur ein, die ausgezeichnet ist, sondern in den bereits komprimierten Hebel: die Alltagsnachfrage. Das Risiko besteht darin, dass eine Maßnahme, die auf Mehreinnahmen zielt, den laufenden Krypto-Gebrauch weiter dämpft und Krypto noch stärker in die Rolle eines zu deklarierenden Assets drängt, noch weiter weg von einem Zahlungsmittel. Mit einer einzigen prämiierten Richtung: regulierte Instrumente in Euro.
Was tatsächlich gebraucht würde
Auf die Frage, wie sich ein solcher Markt entsperren lässt, nennt Cuccovillo drei konkrete Punkte. Erstens braucht es Alltagsausgabemöglichkeiten, denn heute „stoppt die Ausgabefähigkeit an der Mauer der Rechnungen: Man kauft das Gadget, zahlt aber nicht die Stromrechnung“. Zweitens braucht es Retail-Produkte, die von Banken entwickelt werden, die bereits Bitcoin in ihrer Bilanz halten, damit Banken-Rails und Krypto-Rails konvergieren statt parallel zu laufen. Drittens braucht es Segmente, in denen die Regulierung den laufenden Einsatz begünstigt, wie Euro-EMTs, die Krypto „vom zu deklarierenden Asset zum Zahlungsmittel“ verschieben.
Der gemeinsame Nenner ist ein einziger. „Die Infrastruktur ist vorhanden“, schließt der Gründer von Genghis. „Was fehlt, ist der Grund, sie jeden Tag zu nutzen.“
Italien hat, im Kern, eine siebenspurige Autobahn gebaut. Das Problem ist nicht die Straße. Es ist, dass fast niemand ein Ziel hat, zu dem er fahren möchte, und jetzt gibt es auch noch Maut. Das ist eine der Thesen, die beim Sicily Crypto Summit auf der Bühne diskutiert werden, wo die Rolle des Südens und die europäische Regulierung im Mittelpunkt der Debatte stehen werden.
Die Daten stammen aus dem Crypto Livability Index von Genghis, einem offenen Datensatz unter der Lizenz CC BY 4.0. Quelle und vollständiger Datensatz: genghis.pro/crypto-livability-index
