Banca d'Italia fordert tokenisierte SEPA als Antwort auf Dollar-Stablecoins im Euroraum
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Von Giulia Ferrante Profilbild Giulia Ferrante
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Banca d'Italia: SEPA tokenisieren, bevor Stablecoins es tun

Chiara Scotti (Banca d'Italia) forderte am 4. Mai in Rom: Die EU sollte SEPA tokenisieren. 116 Billionen Euro bargeldloser Zahlungen und eine direkte Antwort…

Die Banca d'Italia fordert eine tokenisierte SEPA, bevor Dollar-Stablecoins den europäischen Zahlungsverkehr übernehmen. Chiara Scotti, Vizegouverneurin der Banca d'Italia, eröffnete am 4. Mai in Rom den internationalen Workshop „Digital Assets and Monetary Policy Transmission“ mit einem Kernsatz: Geld hat keinen Wert wegen seiner Technologie, sondern wegen der Institutionen und Regeln dahinter. Alles Folgende war eine Konsequenz dieses Gedankens.

SEPA: Das System existiert. Nur das Token fehlt noch

De facto: sEPA, der einheitliche Euro-Zahlungsverkehrsraum, ist keine abstrakte Abkürzung. Es ist die Infrastruktur, die 36 europäische Länder täglich nutzen, ob für eine Überweisung von Berlin nach Barcelona oder eine Lastschrift in Wien. In der ersten Jahreshälfte 2025 erreichte das Volumen bargeldloser Transaktionen über SEPA laut EZB 116 Billionen Euro, ein Anstieg von 2,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Eine funktionierende, flächendeckende, standardisierte Infrastruktur, bereits interoperabel zwischen den Mitgliedsländern.

Das Problem liegt bei der Abwicklungsgeschwindigkeit und der fehlenden Programmierbarkeit. Eine tokenisierte SEPA würde Echtzeit-Settlement auf einem verteilten Register ermöglichen, automatisierbare Verträge, On-Chain-Transparenz und die Fähigkeit, Zahlungen mit tokenisierten Finanzprodukten zu verknüpfen, etwa mit tokenisierten Fonds wie jenen, die Legal & General bereits für 50 Milliarden Pfund auf Ethereum aufgesetzt hat. Ohne von Grund auf neu zu bauen. Mit dem, was bereits vorhanden ist.

Scotti bezeichnete SEPA als „distinktives europäisches Asset“, und diese Wortwahl ist kein Zufall. Europa muss keine neue Zahlungsinfrastruktur erfinden, und es besitzt bereits eine. Die Frage ist, ob der Kontinent sie on-chain bringen will, bevor andere das an seiner Stelle tun.

Was eine tokenisierte SEPA für Unternehmen im DACH-Raum bedeuten würde

Für ein deutsches Unternehmen wäre der Unterschied greifbar. Eine Zahlung von Hamburg nach Amsterdam, die heute über SWIFT Stunden oder per Lastschrift Tage dauert, könnte auf einem gemeinsamen verteilten Register in Sekunden abgewickelt werden. Die institutionelle Sicherheit bliebe dieselbe, weil dahinter weiterhin regulierte Banken mit realen Einlagen stehen würden.

Keine privaten Stablecoins, keine CBDC der EZB. Tokenisierte Einlagen: digitale Repräsentationen bestehender Bankguthaben, ausgegeben von denselben Banken, die heute das Girokonto führen. Die Banca d'Italia hat dieses Modell gemeinsam mit 63 weiteren Institutionen bereits erprobt: In den DLT-Piloten der EZB zwischen 2023 und 2024 wurden laut EZB-Angaben über 1,59 Milliarden Euro in mehr als 200 Transaktionen abgewickelt, alle in Zentralbankgeld. Für Unternehmen, die im DACH-Raum grenzüberschreitende Zahlungen mit Stablecoins abwickeln oder Euro-Treasury verwalten, würde der Vergleich mit USDC auf Solana neu bewertet werden müssen.

Der Druck aus dem Dollarraum

Der Stablecoin-Markt hat laut The Block im Mai 2026 die Marke von 322 Milliarden Dollar überschritten. EZB-Projektionen deuten darauf hin, dass eine stärkere Akzeptanz in aufstrebenden Märkten wie Indien und Brasilien diesen Wert in Richtung 730 Milliarden Dollar treiben könnte. Zwei Drittel aller Kartenzahlungen im Euroraum laufen bereits über nicht-europäische Netzwerke. In 13 der 21 Euro-Länder sind Zahlungen im stationären Handel vollständig von Visa und Mastercard abhängig. Piero Cipollone, Mitglied des EZB-Direktoriums und beim gleichen Workshop anwesend, betonte, dass DLT-basierte Märkte tokenisiertes Zentralbankgeld als zentrales Element brauchen. Nicht als Option. Als Voraussetzung.

Der digitale Euro bleibt das analytisch fortgeschrittenste Projekt, mit Pilotprogrammen ab Mitte 2026 und einer geplanten Emission im Jahr 2029, sofern die EU-Verordnung noch in diesem Jahr verabschiedet wird. Das ist jedoch ein Drei-Jahres-Horizont. Dollar-Stablecoins liegen jetzt schon in den digitalen Brieftaschen von Millionen Europäern. Scotts Vorschlag zielt genau darauf ab: nicht bis 2029 warten. SEPA nutzen, das bereits das Netzwerk, die Standards und das institutionelle Vertrauen besitzt, und es on-chain bringen.

Projekt Pontes, die operative Arbeit der EZB zur Anbindung der TARGET-Infrastrukturen an DLT-Plattformen, soll laut EZB im dritten Quartal 2026 in die Pilotphase eintreten. Projekt Appia, die langfristige Arbeit an einem integrierten europäischen Ökosystem für tokenisierte Assets, hat eine Roadmap bis 2028.

Citi schätzt, dass das globale Volumen tokenisierter Einlagen bis 2030 zwischen 100 und 140 Billionen Dollar erreichen könnte. Laut Angaben von Finzly und American Banker ist heute nur jede vierte Bank technisch in der Lage, tokenisierte Einlagen zu unterstützen. Die Infrastruktur steht, die Institutionen richten sich aus, doch der Text der EU-Verordnung zum digitalen Euro bleibt der Flaschenhals, den niemand per Dekret beseitigen kann. Scotti hat es nicht explizit gesagt, aber die Botschaft ist eindeutig: Mit einer tokenisierten SEPA lässt sich dieser Flaschenhals umgehen.

Von Giulia Ferrante Profilbild Giulia Ferrante
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