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KI-Stimmenklon: 36-Millionen-Betrug bei Fideuram und Bitcoin

Im Februar autorisierte Fideuram-Präsident Paolo Molesini Überweisungen von 95 Mio. Euro, getäuscht durch KI-geklonte Stimme. Rund 36 Mio. Euro fehlen noch,…

4 Min. Lesezeit Wie wir arbeiten

Im Februar flossen laut Corriere della Sera innerhalb weniger Stunden rund 95 Millionen Euro aus der Fideuram-Kasse ab, autorisiert vom damaligen Vorstandsvorsitzenden Paolo Molesini. Er glaubte, einer dringenden Anfrage des Intesa-Sanpaolo-Vorstandsvorsitzenden zu folgen. Alles war gefälscht: eine manipulierte WhatsApp-Nachricht und eine mit künstlicher Intelligenz geklonte Stimme. Sieben Monate später fehlen nach den meisten vorliegenden Quellen noch rund 36 Millionen Euro. Ein Teil des Geldes ist nachweislich über zwei Bitcoin-Wallets geflossen. Der Deepfake-Betrug bei Fideuram verdient unsere Aufmerksamkeit nicht nur wegen der Raffinesse des Angriffs, sondern weil Kryptowährungen in der Schlussphase der Geldverschleierung eine konkrete Rolle gespielt haben.

Eine wichtige Klarstellung vorweg: Paolo Molesini ist das Opfer, nicht der Beschuldigte. Die Personen, deren Identität die Betrüger missbraucht haben, der Vorstandsvorsitzende von Intesa Sanpaolo sowie ein bekannter Wirtschaftsanwalt, haben mit dem Betrug nichts zu tun und wussten nicht, dass sie als Werkzeug der Täuschung benutzt wurden.

Wie der Betrug ablief

Laut Rekonstruktion des Corriere della Sera erhielt Molesini eine WhatsApp-Nachricht, die scheinbar von Carlo Messina, dem CEO von Intesa Sanpaolo, stammte. Darin wurde dringend um Überweisungen gebeten, um eine internationale Finanzgelegenheit zu nutzen. Um die Anfrage glaubwürdig zu machen, inszenierten die Betrüger einen Anruf: Die Stimme am Telefon schien die von Paolo Nastasi zu sein, Managing Partner der italienischen Niederlassung der internationalen Anwaltskanzlei A&O Shearman, der als rechtlicher Vermittler der Transaktion vorgestellt wurde.

Molesini kennt Nastasi persönlich, und die Stimme klang für ihn authentisch. In Wirklichkeit, so die Rekonstruktion, war sie mit KI-gestützten Stimmklonwerkzeugen erzeugt worden, trainiert auf öffentlich verfügbaren Aufnahmen aus Interviews, Konferenzen oder Unternehmensvideos. Es folgten E-Mails mit scheinbar echten Dokumenten und Bankverbindungen. Am Ende autorisierte Molesini die Überweisungen, die vor allem auf Konten in China und Hongkong gerichtet waren.

Die Mailänder Staatsanwaltschaft konnte einen Teil des Geldes sicherstellen. Der noch fehlende Betrag ist jedoch erheblich: Die meisten zitierten Quellen sprechen von rund 36 Millionen Euro; eine separate Meldung der ANSA nennt dagegen 39,5 Millionen Euro. Wir führen beide Schätzungen auf, bis eine abschließende Zahl offiziell bestätigt wird.

Geldfluss Malta/Luxemburg/Niederlande
Geldfluss Malta/Luxemburg/Niederlande

Der Weg des Geldes: Offshore-Banken und Bitcoin-Wallets

Laut Corriere Milano floss das Geld über Konten in Malta, Luxemburg und den Niederlanden, über eine kanadische Geldtransferplattform und schließlich über zwei Bitcoin-Wallets. Dieses Muster ist Ermittlern vertraut, die internationale Geldwäschefälle verfolgen: Zunächst wird Geld durch das klassische Bankensystem in verschiedenen Jurisdiktionen bewegt. Dann erfolgt der Sprung in digitale Assets, die schwerer zu verfolgen und zu blockieren sind, sobald das Geld das regulierte Finanzsystem verlassen hat.

Die derzeit laufenden internationalen Rechtshilfeersuchen zielen laut zitierten Justizquellen darauf ab, die Kryptowährungen zu verfolgen, bevor sie in Bargeld umgewandelt werden. Ein Wettlauf gegen die Zeit, wie er bei Ermittlungen dieser Art häufig vorkommt. Im Ermittlungsregister der Mailänder Staatsanwaltschaft taucht mindestens ein Name auf, der nach einigen Rekonstruktionen einem israelischen Staatsbürger zugeordnet wird und möglicherweise einer Phantomidentität entspricht. Zum jetzigen Zeitpunkt handelt es sich um eine beschuldigte, nicht verurteilte Person; die Ermittlungen laufen.

Die Fakten im Überblick

Was bisher bekannt ist. Quellen: Corriere della Sera, ANSA, Il Post, 2026

  • Die Täuschung: Gefälschte WhatsApp-Nachricht und KI-geklonte Stimme eines dem Opfer bekannten Anwalts.
  • Das Geld: Rund 95 Millionen Euro abgeflossen, laut den Quellen fehlen noch 36 bis 39,5 Millionen Euro.
  • Der Weg: Malta, Luxemburg, Niederlande, kanadische Plattform, zwei Bitcoin-Wallets.

Kein Einzelfall: Auch andere Banken betroffen

Was diesen Fall noch bedeutsamer macht: Fideuram war offenbar nicht das einzige Institut, das in ähnlicher Weise angegriffen wurde. Laut ANSA soll im Mai auch eine Managerin der Banca Ifis Transaktionen von rund 24 Millionen Euro autorisiert haben. Die Gelder wurden nach Spanien, Singapur, Hongkong und Bahrain umgeleitet. Davon konnten rund 20 Millionen Euro durch eine präventive Sicherungsmaßnahme zurückgeholt werden. Ein dritter Fall, deutlich kleiner, betraf eine Genossenschaftsbank mit einem Schaden von rund zwei Millionen Euro, von denen ein Teil in Kroatien aufgespürt wurde.

Drei separate Vorfälle, unterschiedliche Beträge und Jurisdiktionen, aber dasselbe Grundmuster: Gefälschte Kommunikation, die das persönliche Vertrauen in eine bekannte Führungsperson ausnutzt, verstärkt durch KI-gestützte Stimmklontechnik, um die internen Kontrollen bei hochvolumigen Transaktionen zu umgehen. Das Thema berührt die wachsende Aufmerksamkeit für verdächtige Kryptoströme, die wir bereits in unserer Analyse des Bitrace-Berichts zu Hochrisiko-Adressen thematisiert hatten.

KI-gestützte Betrugsfälle im italienischen Bankensektor
KI-gestützte Betrugsfälle im italienischen Bankensektor

Die größere Einordnung

Dieser Fall beleuchtet ein strukturelles Problem, das den gesamten Finanzsektor betrifft, nicht nur ein einzelnes Institut oder eine einzelne Person. KI-basierte Stimmklonwerkzeuge sind heute nach verschiedenen Branchenanalysen kostenlos verfügbar, setzen keine fortgeschrittenen technischen Kenntnisse voraus und lassen sich nahezu anonym einsetzen. Wer öffentlich auftritt, sei es in Interviews, auf Konferenzen oder in Unternehmensvideos, ist potenziell verwundbar.

Technologische Erkennung eines Deepfakes ist nicht immer zuverlässig. Der wirksamste Schutz ist prozeduraler Natur: niemals Überweisungen auf Basis einer einzigen Kommunikation autorisieren, stets über einen separaten, vorher validierten Kanal gegenprüfen (nicht über den in der verdächtigen Nachricht genannten), und für Transaktionen hoher Beträge eine Mehrpersonengenehmigung einfordern. Für Unternehmen im DACH-Raum gelten ohnehin strenge interne Kontrollpflichten nach dem Kreditwesengesetz (KWG), doch dieser Fall zeigt, dass technische Compliance allein nicht ausreicht, wenn das Vertrauen in persönliche Beziehungen gezielt ausgenutzt wird.

Zwei Schlussfolgerungen lassen sich ziehen. Erstens: Drei verschiedene italienische Banken wurden innerhalb weniger Monate mit demselben Schema angegriffen. Das deutet nicht auf Einzelfälle hin, sondern auf eine koordinierte Kampagne oder zumindest auf eine Technik, die von mehreren kriminellen Gruppen parallel eingesetzt wird. Zweitens: Der Einsatz von Bitcoin-Wallets in der letzten Phase der Geldverschleierung bestätigt ein Muster, das bei anderen Ermittlungen bereits beobachtet wurde. Kryptowährungen werden zunehmend als letztes Glied einer Geldwäschekette genutzt, die im traditionellen Bankensystem beginnt, nicht als Ausgangspunkt des Betrugs. Wir werden die Entwicklungen der Ermittlungen weiterverfolgen, insbesondere den Ausgang der internationalen Rechtshilfeersuchen.

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