Seit Jahren gelten Stablecoins als die Killer-Applikation der Kryptowährungen für internationale Zahlungen: Geld in Sekunden rund um den Globus senden, für minimale Gebühren, während teure Banküberweisungen der Vergangenheit angehören. Die Banca d'Italia hat dieses Versprechen nun auf die konkreteste Art und Weise geprüft: mit echten Überweisungen in die reale Welt. Das Ergebnis räumt mit dem Klischee auf.
Stablecoins zu versenden kann laut der Untersuchung von Via Nazionale zwischen 0,30% und knapp 9% des Betrags kosten. Das Überraschende dabei ist nicht die Gesamthöhe, sondern wo genau dieser Aufwand entsteht: nicht in der Blockchain, die reibungslos funktioniert, sondern in allem, was um sie herum gebaut ist. Was diese Studie uns lehrt und warum sie für die Zukunft des Zahlungsverkehrs relevant ist, zeigt die folgende Analyse.
Ein Feldtest, keine Simulation
Die Stärke dieser Studie liegt in der Methodik. Statt sich auf veröffentlichte Gebühren zu beschränken, führten die Forscher der Banca d'Italia echte Transaktionen durch. In einem sogenannten „Mystery Shopping“-Ansatz transferierten sie reale USDC-Beträge von 200 Dollar, der Benchmark der Weltbank für Remittance-Kosten, über zehn Korridore zwischen Italien und Argentinien, Brasilien, Südafrika, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Japan.
Die Transaktionen wurden Ende März in beide Richtungen durchgeführt, unter Verwendung globaler Börsen wie Binance und Kraken sowie lokaler Plattformen. Der entscheidende Ansatz war die Aufspaltung jedes Transfers in fünf Einzelschritte: Geld auf die Börse laden, USDC kaufen, über die Blockchain übertragen, verkaufen und schließlich die Landeswährung auszahlen. Diese Zerlegung ermöglicht es erstmals mit echten Daten zu zeigen, wo die Kosten tatsächlich anfallen.
Sind Stablecoins effizient für internationale Rimessen?
Belege aus echten Transfers von 200 USDC zwischen Italien und Argentinien, Brasilien, Südafrika, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Japan.
Das kontraintuitive Ergebnis
Und hier liegt die Erkenntnis, die das gängige Narrativ auf den Kopf stellt. Die Gesamtkosten der Transfers schwankten erheblich: von mindestens 0,30% bis zu knapp 9%, laut dem Banca-d'Italia-Paper Nr. 86 (2026). Das entscheidende Detail ist jedoch ein anderes: Der On-Chain-Transfer, den die meisten als Kern der Operation betrachten, kostete im Durchschnitt gerade einmal 0,4%. Nahezu nichts.
Klartext: Die Blockchain liefert genau das, was sie verspricht. Sie bewegt Werte schnell und günstig rund um den Globus. Das Problem liegt anderswo. Der weitaus größte Teil der Kosten konzentriert sich auf die Ein- und Ausstiegsphasen der Krypto-Welt: die Gebühren der Börsen, die versteckten Margen beim Währungstausch, die Bankgebühren für Einzahlungen und Auszahlungen. Diese sogenannte „letzte Meile“ ist es, wo der theoretische Vorteil der Stablecoins aufgezehrt wird.
Wo die Kosten stecken
Aufschlüsselung des Banca-d'Italia-Tests. Quelle: Banca d'Italia, Paper Nr. 86, 2026
- Der On-Chain-Transfer: kostet im Schnitt nur 0,4%. Die Blockchain erfüllt ihre Aufgabe einwandfrei.
- Die „letzte Meile“: Börsen, Währungstausch, Banktransfers und Auszahlungen absorbieren nahezu alle Kosten, bis zu 9% des Gesamtbetrags.
Kein Urteil, sondern eine Bestandsaufnahme
Es wäre falsch, diese Studie als Verurteilung der Stablecoins zu lesen, und die Banca d'Italia selbst hütet sich davor. Die Ergebnisse zeigen ein differenzierteres Bild: Auf einigen Korridoren erwiesen sich Stablecoins als günstiger als traditionelle Dienste und übertrafen dabei sogar effiziente Anbieter wie Wise. Auf anderen Routen schnitten sie schlechter ab. Der Vorteil existiert also, hängt jedoch stark vom jeweiligen Korridor und der Qualität der lokalen Infrastruktur ab.
Dasselbe gilt für die Geschwindigkeit. Wo gut integrierte Echtzeitzahlungssysteme vorhanden sind, kann der gesamte Vorgang in weniger als zwanzig Minuten abgeschlossen werden. Wo jedoch für Ein- oder Auszahlungen noch klassische Banktransfers benötigt werden, dehnen sich die Zeiten auf ein bis zwei Werktage aus. Die Stablecoin ist schnell, aber nur so schnell wie das langsamste Glied in der Kette. Das Bild ist also nicht das einer gescheiterten Technologie, sondern einer Technologie, deren Potenzial noch durch ihr Umfeld gebremst wird.
New research from @bancaditalia tests sending 200 USDC across 10 international corridors.
, Bank Policy Institute (@bankpolicy) August 3, 2026
The finding? Total costs range from 0.3% to nearly 9%, meaning sending stablecoins isn't automatically cheaper once you factor in foreign exchange conversions. https://t.co/BLlaPAKYla
Die Lektion: Das Problem ist nicht die Blockchain
Hier liegt die eigentlich wertvolle Erkenntnis, und sie geht über Stablecoins hinaus. Die Studie belegt, dass der Flaschenhals bei internationalen Zahlungen nicht mehr die Übertragungstechnologie ist, die gelöst ist, sondern die traditionelle Infrastruktur an beiden Enden. Die Gebühren der Börsen, langsame Bankensysteme, teure Währungsumrechnungen: Das sind die eigentlichen Kostentreiber, nicht das Fehlen einer Blockchain.
Eine Schlussfolgerung, die Gouverneur Fabio Panetta bereits vorweggenommen hatte. Panetta hatte in früheren Stellungnahmen argumentiert, dass Stablecoins in ausgewählten Korridoren funktionieren können, aber keine universelle Lösung darstellen, und dass die eigentliche Priorität in der Modernisierung nationaler Zahlungsinfrastrukturen sowie der Verknüpfung schneller Systeme verschiedener Länder liegen sollte. Anders gesagt: Die Revolution wird nicht durch die Tokenisierung des Transfers vollendet, sondern durch die Integration der gesamten Zahlungskette. Dasselbe Thema taucht bei den großen Branchenmanövern auf, von Mastercard, das Stablecoin-Infrastruktur aufkauft, bis hin zu Banken, die Fonds tokenisieren: Alle versuchen, genau diese letzte Meile zu lösen.
Are Stablecoins Efficient for Remittances? Banca d'Italia Report Tests Stablecoin Usage https://t.co/bBpYyNw2X6 pic.twitter.com/2zDAdv1OmS
, Crowdfund Insider (@crowdfundinside) August 4, 2026
Das größere Bild
Die Studie der Banca d'Italia ist wertvoll, weil sie Schlagworte durch Daten ersetzt und ein ehrliches Bild des aktuellen Stands zeichnet. Stablecoins sind nicht der Zauberstab, als den manche sie verkauft haben, aber auch kein Fehlschlag. Sie sind ein leistungsfähiges Instrument, dessen Vorteil heute häufig durch ein Finanzsystem zunichte gemacht wird, das rund um sie herum noch alt und kostspielig ist.
Für diejenigen, die den Sektor ernsthaft beobachten, lautet die Lehre: Die Zukunft des Zahlungsverkehrs gehört nicht denen, die eine Transaktion einfach auf die Blockchain setzen, sondern denen, die die gesamte Kette von Anfang bis Ende in ein flüssiges und kostengünstiges Erlebnis integrieren. Die Technologie ist vorhanden und funktioniert. Die eigentliche Herausforderung ist heute menschlicher und infrastruktureller Natur: die Systeme zu modernisieren, die vor und nach der Blockchain stehen. Eine Herausforderung, die, wie diese gründliche Studie zeigt, Zentralbanken bereits mit Sorgfalt und ohne Illusionen analysieren. Wer verstehen möchte, wie Stablecoins funktionieren, findet in unserem Leitfaden zu Stablecoins einen guten Einstieg.



