Am 30. Juni haben über 140 der größten Unternehmen der Welt, darunter Visa, Mastercard, BlackRock und Stripe, eine neue Dollar-Stablecoin namens Open USD angekündigt. Wenige Stunden später verlor die Aktie von Circle, dem USDC-Emittenten, laut CoinGecko-Daten bis zu 17 Prozent in einer einzigen Handelssitzung.
Introducing Open USD: a stablecoin built for the internet economy, designed by the businesses growing it.https://t.co/jqgDRs6mKf
, Open Standard (@openstandard) June 30, 2026
Diese Marktreaktion sagt mehr als jede Pressemitteilung. Die eigentliche Nachricht ist keine weitere digitale Währung. Es ist ein frontaler Angriff auf das Geschäftsmodell, das Tether und Circle reich gemacht hat.
Was am 30. Juni geschehen ist
Das Konsortium heißt Open Standard, die Stablecoin trägt den Namen OUSD. Die Gründerliste ist bemerkenswert breit aufgestellt: Neben den Zahlungsnetzwerken Visa, Mastercard und American Express finden sich der Vermögensverwalter BlackRock, Banken wie BNY, Standard Chartered, BBVA und DBS, Krypto-Native wie Coinbase, Aave, MetaMask und Solana sowie Tech-Konzerne wie Google, Shopify und DoorDash. Angeführt wird das Konsortium von Zach Abrams, Mitgründer von Bridge, dem Stablecoin-Infrastrukturunternehmen, das Stripe für über eine Milliarde Dollar übernommen hat.
Stablecoins are transforming how value moves, and interoperability is the key to institutional scale.
, Ripple (@Ripple) June 30, 2026
We're proud to join Open USD as a day-one integration partner, reinforcing Ripple's commitment to open, multichain infrastructure that supports institutional adoption across the… https://t.co/6BymTXdElJ
Der vollständige Start ist noch für Ende 2026 geplant, zunächst nativ auf Solana, danach auf weiteren Netzwerken. Das Signal ist jedoch bereits angekommen, und die Märkte haben es eindeutig interpretiert.
Warum das zählt: Das Float ist das eigentliche Ziel
Hier liegt der Kern der Geschichte. Eine Stablecoin wird durch Dollar-Reserven gedeckt, die in der Regel in kurzlaufende Staatsanleihen investiert sind. Die daraus entstehenden Zinserträge sind die Einnahmequelle des Emittenten. Circle erzielt nach eigenen Angaben rund 95 Prozent seiner Einnahmen aus genau diesem Float-Modell. Das gleiche Prinzip hat auch Tether zu einem der profitabelsten Unternehmen im Kryptomarkt gemacht.
Open USD kehrt dieses Modell um. Keine Gebühren für Ausgabe und Rücknahme, keine Volumenbegrenzungen, und vor allem werden fast alle Renditen aus den Reserven an die Partnerunternehmen zurückgegeben, abzüglich einer kleinen Verwaltungsgebühr. Wer die Volumen bewegt, behält den Float, statt ihn dem Emittenten zu überlassen. Das Modell ähnelt eher einem Zahlungsnetzwerk wie Visa als einem klassischen Stablecoin-Emittenten. Es trifft genau die Schwachstelle eines Marktes, in dem USDT laut CoinGecko (April 2026) rund 62 Prozent und USDC etwa 25 Prozent hält.
Der Markt, den Open USD aufbrechen will
Marktanteile im Stablecoin-Markt (ca. 300 Mrd. $). Quelle: CoinGecko, April 2026
- USDT (Tether): ca. 62%
- USDC (Circle): ca. 25%
- Andere, worauf OUSD zielt: ca. 13%
Zwei Rückkehrer, die mehr sagen als jede Pressemitteilung
Zwei Teilnehmer auf der Liste sind besonders aufschlussreich. Die erste ist Coinbase: 2018 hatte das Unternehmen gemeinsam mit Circle das Centre-Konsortium gegründet, das damals USDC verwaltete. 2023 wurde Centre aufgelöst, nachdem Circle laut Unternehmensangaben über 200 Millionen Dollar in Aktien gezahlt hatte, um die volle Kontrolle über USDC zurückzugewinnen. Heute kehrt Coinbase zum Konsortiumsmodell zurück, diesmal mit 140 Partnern und vertraglich festgelegter Renditebeteiligung. Das Timing ist kein Zufall: Das Vertriebsabkommen zwischen Coinbase und Circle läuft im August aus. Ein Verhandlungssignal, das kaum deutlicher sein könnte.
Open USD just launched. A new stablecoin backed by Visa, Stripe, Mastercard, BlackRock, Coinbase, and 140+ other partners.@andyyy says we're underestimating how big this is by an order of magnitude.
, The Rollup (@therollupco) June 30, 2026
"I wouldn't be surprised if this gets to $10, $20, $30 billion. I wouldn't be… https://t.co/YPfRT0uNJP pic.twitter.com/MdTFxjotCf
Der zweite bemerkenswerte Einstieg ist Ripple. Das Unternehmen behält seine eigene Stablecoin RLUSD, tritt aber gleichzeitig als Integrationspartner von Tag eins bei OUSD bei. Damit positioniert Ripple sein Ledger als eine mögliche Infrastrukturschiene. Die Logik dahinter ist dieselbe wie bei Rippples regulatorischer Strategie in Europa: Gebühren einnehmen, unabhängig davon, welche Stablecoin sich am Ende durchsetzt.
Risiken eines 140-Partner-Konsortiums
Vorsicht ist angebracht, und die Analystenmeinungen sind gespalten. Dragonfly sieht die Teilnehmerliste als ernsthafte Bedrohung für Circles Geschäftsmodell, warnt aber zugleich klar: Konsortien sind komplex und zerbrechen leicht, weil die Interessen von 140 Unternehmen kaum dauerhaft auszurichten sind. Andere Beobachter sprechen von einer übertriebenen Marktreaktion und verweisen darauf, dass ähnliche Zusammenschlüsse wie das Global Dollar Network von Paxos die Kräfteverhältnisse bislang nicht verschoben haben.
Dann ist da noch das unbequeme Vorbild, das niemand gerne erwähnt. Libra, das Facebook-Stablecoin-Projekt, startete mit einem ebenso beeindruckenden Konsortium und scheiterte an seinen eigenen Widersprüchen. Der Unterschied diesmal liegt im regulatorischen Rahmen: Der GENIUS Act in den USA hat klare Regeln gesetzt, und die Partner sind regulierte Zahlungsabwickler, keine reinen Tech-Unternehmen. Aber der eigentliche Test ist ein einziger: Wie viele der 140 Partner werden tatsächlich echte Volumen über OUSD leiten, statt bei den Stablecoins zu bleiben, mit denen sie bereits arbeiten? Diese Überprüfung beginnt erst mit dem vollständigen Launch. Alle Details sind auf der Website von Open Standard sowie in den bei der SEC eingereichten Unterlagen von Circle einsehbar.
