Kurskorrektur in London. Sarah Breeden, stellvertretende Gouverneurin der Bank of England für Finanzstabilität, räumte am 14. Mai gegenüber der Financial Times ein, dass die eigenen Stablecoin-Vorschläge „übermäßig konservativ“ gewesen seien. Sterling-Stablecoins machen laut CoinGecko-Daten weniger als 0,5 % eines globalen Marktes von 315 Milliarden Dollar aus. Diese Zahl sitzt.
Der ursprüngliche Vorschlag und die zwei wirtschaftlichen Knackpunkte
Der BoE-Ansatz hatte eine nachvollziehbare Logik. Das Konsultationspapier vom November 2025 orientierte sich am Kollaps der Silicon Valley Bank 2023: Bei einem Bank-Run auf Stablecoins würden britische Kreditinstitute Einlagen zu schnell verlieren. Verständlich in der Theorie. In der Praxis waren die wirtschaftlichen Folgen für jeden ernsthaften Emittenten schlicht untragbar.
Erster Knackpunkt: die Haltungsobergrenze. £20.000 pro Person, £10 Millionen pro Unternehmen. Keine andere große Regulierungsbehörde hat etwas Vergleichbares vorgeschlagen. Für ein Unternehmen, das Stablecoins für B2B-Zahlungen an europäische Lieferanten nutzen möchte, ist £10 Millionen eine operative Schranke, keine Vorsichtsmaßnahme. Die meisten interessanten Unternehmensanwendungsfälle wären damit faktisch ausgeschlossen.
Zweiter Knackpunkt: die Reservestruktur. Der Vorschlag sah vor, 40 % der Mittel unverzinst bei der Zentralbank zu hinterlegen, die restlichen 60 % in kurzlaufenden britischen Staatsanleihen (Gilts). Circle, der Emittent von USDC, hält nach eigenen Angaben rund 88 % seiner Reserven in T-Bills und Repogeschäften und erwirtschaftet auf nahezu das gesamte Volumen eine Rendite. Bei einem Gilt-Zinssatz von rund 4 % würde die vorgeschlagene 40:60-Struktur einem britischen Emittenten laut Berechnungen von Andres Monty, dem Geschäftsführer der Stablecoin-Risikoanalyseplattform Range (veröffentlicht via Decrypt, Mai 2026), rund £11,2 Millionen pro Jahr und Milliarde im Umlauf kosten. Für ein Emissionsvolumen von £5 Milliarden ergibt sich gegenüber einem US-Konkurrenten unter dem GENIUS Act ein jährlicher Mehraufwand von knapp £56 Millionen. Keine Zahl, die sich wegrechnen lässt.
Quellen: Bank of England Konsultation Nov. 2025 · Range-CEO-Analyse, Decrypt, Mai 2026
Unverzinsliche Reservepflichten für Stablecoin-Emittenten (%)
* Revidierter BoE-Wert ist eine Schätzung auf Basis der Range-CEO-Analyse (Mai 2026). Der GENIUS Act (USA) sieht keine unverzinsliche Reservepflicht vor. Angaben sind indikativ.
* Der revidierte BoE-Wert ist eine Schätzung auf Basis der Range-CEO-Analyse (Mai 2026). Der GENIUS Act (USA) sieht keine unverzinsliche Reservepflicht vor. Angaben sind indikativ.
Sind Sterling-Stablecoins im Vereinigten Königreich legal?
Ja, aber ein abschließendes Regulierungsregime gibt es noch nicht. Der Rahmen für systemische Sterling-Stablecoins befindet sich weiterhin im Aufbau. Neue Entwürfe werden für Juni 2026 erwartet, gefolgt von weiteren Konsultationsrunden im Jahresverlauf. Das endgültige Framework dürfte voraussichtlich 2027 in Kraft treten.
Die Financial Conduct Authority (FCA) hat ihrerseits bereits gehandelt. Sie hat vier Unternehmen ausgewählt, um die Ausgabe von Stablecoins in ihrer Regulatory Sandbox zu testen: Revolut, Monee Financial Technologies, ReStabilise und VVTX. Die Tests, die im ersten Quartal 2026 starteten, decken Retail-Zahlungen, Wholesale-Settlement und Krypto-Handel ab. Die Ergebnisse fließen in die endgültigen Regeln ein, die für die zweite Jahreshälfte vorgesehen sind.
„Wir sind darauf ausgerichtet, ein Regime zu schaffen, in dem Stablecoins erfolgreich sein und Nutzen für die Anwender bringen können. Aber es handelt sich um Geld, und wir wollen sicherstellen, dass diese neue Geldform sicher ist.“, Sarah Breeden, stellvertretende Gouverneurin für Finanzstabilität
Das eigentliche Problem war die prudenzielle Komponente der BoE, also der restriktivste Teil. Mit der heute angekündigten Überarbeitung öffnen sich die Spielräume wieder. Katie Haries, Head of Policy Europe bei Coinbase, kommentierte in einer Stellungnahme: „Eine Obergrenze für Stablecoins ist eine Obergrenze für Innovation, mit realen und erheblichen Risiken für die britische Wettbewerbsfähigkeit.“ Wie sich der parallele Rahmen in Europa entwickelt, zeigt unsere Analyse zum MiCA-Regulierungsrahmen und zum Wettlauf europäischer Banken um die ersten MiCA-konformen Euro-Stablecoins.
Das konkrete Risiko: Emission aus London oder Dublin?
Die Frage ist nicht rhetorisch. Andres Monty formulierte sie gegenüber Decrypt direkt: „Die BoE sollte sich fragen, ob sie den meistgenutzten Sterling-Stablecoin regulieren will, oder ob sie zusehen will, wie er aus Dublin heraus emittiert wird.“ Irland ist EU-Mitglied, MiCA ist bereits in Kraft, und die dortigen Reservevorschriften sind weniger belastend als die ursprünglichen britischen Pläne. Ein Emittent, der einen pfundgebundenen Stablecoin anbieten will, aber die britischen Reservekosten scheut, hat heute bereits eine Ausweichoption. Diese Option entfällt nur dann, wenn London wettbewerbsfähige Bedingungen bietet.
Zum Vergleich: Die Euro-Stablecoins, selbst im Vergleich zu Dollar-Giganten marginal, erreichten laut TRM Labs im März 2026 bereits ein monatliches Volumen von 777 Millionen Dollar. Der GBP-Markt ist noch kleiner. Selbst Euro-Stablecoins machen weniger als 0,25 % des Gesamtmarktes aus. Die gesamte Non-Dollar-Kategorie on-chain ist eine offene Baustelle. Wer jetzt die richtigen Regeln setzt, sichert sich Marktanteile. Wer Regeln aufstellt, die £11,2 Millionen pro Jahr und Milliarde im Umlauf kosten, überlässt das Feld denjenigen, die das nicht tun.
Die neuen BoE-Entwürfe werden für Juni 2026 erwartet. Die FCA schließt ihre Sandbox in der zweiten Jahreshälfte ab. Das endgültige Framework kommt voraussichtlich 2027. Was weiterhin auffällt, ist das Tempo: Der amerikanische GENIUS Act ist seit Juli 2025 in Kraft. Der globale Stablecoin-Markt umfasst laut CoinGecko 315 Milliarden Dollar. Der GBP-Anteil liegt unter 0,5 %. Breeden hat das Telefon in die Hand genommen. Das Juni-Dokument wird zeigen, ob die Kalkulation stimmt.
