Die Banca d'Italia hat am 29. September eine neue technische Studie veröffentlicht, die sich einer Frage widmet, die für die Zukunft digitaler Zahlungssysteme unmittelbar relevant ist: Wie lassen sich Systeme bauen, die die Privatsphäre der Nutzer schützen, ohne gesetzliche Kontrollmechanismen auszuhebeln? Das Dokument trägt die Nummer 93 der Reihe „Märkte, Infrastrukturen, Zahlungssysteme“ und analysiert kryptografische Werkzeuge, die überwiegend im Blockchain-Ökosystem entstanden sind. Im Mittelpunkt stehen dabei Zero-Knowledge-Beweise (Zero-Knowledge Proofs). Die Studie verdient eine sorgfältige Lektüre, denn das Thema ist konkreter und weniger abstrakt, als der Titel vermuten lässt.
Ein wichtiger Hinweis vorab: Die Banca d'Italia kündigt mit dieser Veröffentlichung keine operative Einführung dieser Technologie in einem eigenen Zahlungssystem an. Es handelt sich um eine technische Analyse des aktuellen Stands der Forschung sowie der möglichen Designkompromisse. Keine Entscheidung, sondern eine Bestandsaufnahme. Was genau drin steht und warum das Thema auch für Krypto-Interessierte in Deutschland und Österreich relevant ist, schauen wir uns nun im Detail an.

Das Problem, das die Studie adressiert
Ausgangspunkt des Dokuments ist ein grundlegender Zielkonflikt, der mit der Weiterentwicklung digitaler Zahlungssysteme immer deutlicher zutage tritt. Einerseits sollten Transaktionen die Nutzer vor ungerechtfertigter Überwachung und Datenmissbrauch schützen. Andererseits erfordern Compliance und Regelkonformität Kontrollmechanismen, Nachvollziehbarkeit und klare Verantwortlichkeiten. Dieses Gleichgewicht herzustellen ist laut Studie gerade in institutionellen Zahlungsinfrastrukturen besonders anspruchsvoll, wo öffentliches Vertrauen und regulatorische Pflichten nebeneinander bestehen müssen.
Das Dokument analysiert ausdrücklich sowohl dezentrale Architekturen, wie sie für Blockchain-Systeme typisch sind, als auch zentral verwaltete Infrastrukturen wie traditionelle Zahlungssysteme. Es werden drei unterschiedliche Datenschutzziele identifiziert, die ein Zahlungssystem verfolgen kann: Anonymität, Datenschutz im engeren Sinne sowie Nicht-Verknüpfbarkeit. Letzteres bezeichnet die Unmöglichkeit, mehrere verschiedene Transaktionen allein durch Beobachtung derselben Person zuzuordnen.

Kryptografische Werkzeuge: Was sie sind und wie sie funktionieren
Zur Erreichung dieser Ziele untersucht die Studie drei Familien kryptografischer Instrumente. Blinde Signaturen erlauben es einer Partei, ein Dokument digital zu unterzeichnen, ohne dessen Inhalt zu lesen. Im Zahlungsverkehr ermöglicht dies einem Intermediär, eine Transaktion zu autorisieren, ohne den genauen Gegenstand der Autorisierung zu kennen. Commitment-Verfahren erlauben es, sich heute auf einen Wert „festzulegen“, der erst später offenbart wird, mit der Garantie, dass dieser Wert in der Zwischenzeit nicht verändert werden kann.
Zero-Knowledge-Beweise sind das anspruchsvollste der drei Werkzeuge. Sie ermöglichen es einer Partei, mathematisch zu beweisen, dass eine Aussage wahr ist, ohne darüber hinaus irgendwelche Informationen preiszugeben. Im Zahlungskontext bedeutet das etwa: Ein Konto kann nachweisen, dass es über ausreichende Mittel für eine Transaktion verfügt oder dass eine Zahlung bestimmte regulatorische Grenzen einhält, ohne je den tatsächlichen Kontostand oder Transaktionsdetails gegenüber der prüfenden Stelle offenzulegen. Für BaFin-regulierte Umgebungen, in denen strenge Compliance-Anforderungen gelten, ist diese Eigenschaft besonders relevant.
Die Studie im Überblick
Wesentliche Inhalte. Quelle: Banca d'Italia, Nr. 93, 29. September 2026
- Das Problem: Nutzerprivatsphäre vs. Nachvollziehbarkeit und regulatorische Verantwortlichkeit.
- Die Werkzeuge: blinde Signaturen, Commitment-Verfahren, Zero-Knowledge-Beweise.
- Keine operative Entscheidung: Es handelt sich um eine technische Studie, nicht um die Einführung einer bestimmten Technologie.
Selektive Kontrolle statt Alles oder Nichts
Das wohl interessanteste Element der Studie betrifft Mechanismen zur selektiven Verifizierbarkeit. Sie ermöglichen gezielte Kontrollen, ohne sich zwischen totaler Privatsphäre und totaler Überwachung entscheiden zu müssen. Konkret können damit Systeme gebaut werden, in denen eine Transaktion für die Allgemeinheit unsichtbar bleibt, aber unter genau definierten Voraussetzungen, etwa bei einem Geldwäscheverdacht, einer spezifischen Behörde zugänglich gemacht wird. Und zwar ohne in allen anderen Fällen auf Datenschutz verzichten zu müssen.
Das unterscheidet diesen Ansatz deutlich von öffentlichen Blockchains, bei denen alle Transaktionen per Systemdesign für jeden einsehbar sind. Und ebenso deutlich von traditionellen Bankensystemen, in denen vollständige Rückverfolgbarkeit gegenüber dem Intermediär die Regel ist. Die Studie deutet damit auf einen technisch heute realisierbaren Mittelweg hin: mehr Privatsphäre als bei klassischen Bankensystemen. Gleichzeitig selektive Kontrollierbarkeit, die öffentliche Blockchains nicht bieten können. Dieser Befund ist auch für den deutschen Kontext relevant, wo die BaFin im Rahmen der MiCA-Umsetzung präzise Anforderungen an Transparenz und Compliance stellt. Das Thema steht zudem im Zusammenhang mit den laufenden Arbeiten der EZB zu Pontes und den Diskussionen um den digitalen Euro.

Das größere Bild
Diese Studie zeigt exemplarisch, wie Kryptografie, die ursprünglich für Kryptowährungen entwickelt wurde, zunehmend die Grenzen ihres Entstehungsökosystems überschreitet. Zero-Knowledge-Beweise, die über Jahre in DeFi-Protokollen und datenschutzorientierten Blockchains verfeinert wurden, werden nun von einer Zentralbank als potenzielle Lösung für ein sehr konkretes Problem institutioneller Zahlungssysteme der Zukunft untersucht. Das ist keine Selbstverständlichkeit.
Für Beobachter aus dem DACH-Raum ist die Botschaft zweigeteilt. Zum einen bestätigt die Studie, dass die Distanz zwischen kryptografischer Innovation im Krypto-Bereich und den Anforderungen der traditionellen Finanzwelt schneller schrumpft, als es von außen wahrnehmbar ist. Konzepte, die institutionelle Investoren lange mit Skepsis betrachteten, werden heute mit akademischer Strenge von einer Zentralbank analysiert. Zum anderen bleibt der Zielkonflikt zwischen Privatsphäre und Kontrollierbarkeit, den diese Studie aufzeigt, eine der anspruchsvollsten Designfragen für jedes künftige digitale Zahlungssystem. Ob digitaler Euro, private Stablecoin oder eine völlig neue Infrastruktur: Die Frage ist dieselbe. Wer verfolgt, wie BaFin und EZB diese Abwägungen in kommenden Pilotprojekten operationalisieren, wird früh erkennen, in welche Richtung sich der regulierte Zahlungsverkehr in Europa entwickelt. Eine fundierte Grundlage dafür bietet auch unsere Einführung zu Kryptowährungen und ihrer Funktionsweise.



