Der Prediction-Market-Anbieter Kalshi hat dem National Council on Problem Gambling (NCPG) über zwei Jahre hinweg 2 Millionen Dollar zugesagt. Die Vereinbarung löste eine Krise aus: Vier staatliche Organisationen verließen den NCPG, und Geschäftsführerin Heather Maurer trat am 26. September zurück. Die Spende und der Rücktritt sind durch offizielle Mitteilungen belegt. Der Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen sowie die Schilderung interner Spannungen beruhen hingegen auf journalistischen Rekonstruktionen. In keiner der ausgewerteten Quellen ist ein Fehlverhalten nachgewiesen.
Die Barron's-Recherche, die für unsere Werkzeuge gesperrt war, wird hier über Fortune vom 9. Oktober wiedergegeben. Die Chronologie stammt aus NCPG-Mitteilungen sowie Berichten von Legal Sports Report, SBC Americas, Covers, Casino.org und ON360. In keiner dieser Quellen finden sich Stellungnahmen von Kalshi oder dem NCPG zu den von Barron's erhobenen Vorwürfen.
Was bestätigt ist: die Spende
Am 18. Mai kündigte der NCPG Kalshi als erstes Mitglied einer neuen Unterkategorie „Financial Services & Trading“ an, laut Legal Sports Report verbunden mit einer Zusage von 2 Millionen Dollar über zwei Jahre für eine Initiative zur Gesundheit und Sicherheit von Tradern. CEO Tarek Mansour sprach von Investitionen in Instrumente, Schulungen und Schutzmaßnahmen für eine gesunde Marktteilnahme, wie Nevada Current berichtet. Zur Einordnung: Laut derselben Quelle entspricht der Betrag etwa der Hälfte dessen, was Nevada jährlich für Glücksspielsucht bereitstellt. ON360 zitiert Gambling Insider mit rund 15.000 Dollar für eine Platinum-Mitgliedschaft und 100.000 Dollar jährlich für den Leadership Circle.
Im Juni bekräftigte der NCPG laut Legal Sports Report seine Neutralität zur Rechtmäßigkeit von Prediction Markets und stellte klar, dass eine Mitgliedschaft oder Finanzierung keine Billigung darstellt. Am 3. Juli erklärte Maurer gegenüber Casino.org, die Organisation sehe es als „ihre Verantwortung zu verstehen“, welche Risiken neue Produkte mit sich bringen.
Austritte und Rücktritt
Der erste öffentliche Austritt war der des Michigan Gaming Control Board Anfang Juli. Direktor Henry Williams schrieb laut Legal Sports Report, ein Verbleib sei „unvereinbar“ mit dem Auftrag der Behörde und die Partnerschaft unterstütze Kalshis Strategie, die Glücksspielbranche „umzugestalten“. Nach Michigan verließen die Ohio Casino Control Commission, der Nevada Council on Problem Gambling und, laut Fortune, im September nach 35 Jahren Mitgliedschaft der Evergreen Council on Problem Gambling aus Washington State den NCPG. SBC Americas zählt insgesamt vier Organisationen aus Michigan, Nevada, Ohio und Washington. Bei der Austrittsdate Ohios sind sich die Quellen uneinig: Legal Sports Report nennt Juni, Fortune September.

Am 26. September gab der NCPG den Rücktritt von Maurer bekannt. Sie bleibt bis zum 16. Oktober im Amt, um den Übergang zu begleiten. Die offizielle Mitteilung nennt keine Gründe und erwähnt Kalshi nicht. Boardpräsident Derek Longmeier sicherte die Fortführung von Interessenvertretung, Programmen und Diensten während der Nachfolgesuche zu. Wenige Tage zuvor hatte auch Jaime Costello, Programmleiterin, das Unternehmen verlassen. Fortune spricht von Differenzen mit der Führungsebene. SBC Americas zitiert einen LinkedIn-Post vom 22. September, in dem Costello schreibt, „das Umfeld habe sich in einer Weise verändert, die ich nicht mehr vereinbaren konnte“, und ihr letzter Tag sei früher als erwartet gekommen, „nicht nach meiner Wahl“. Der Zusammenhang mit Kalshi taucht in den Überschriften von Legal Sports Report und SBC Americas auf, ist aber eine Deutung der Journalisten und keine offizielle Begründung der Organisation.
Was die Barron's-Recherche behauptet
Konkret: laut Barron's, zitiert von Fortune, soll Maurer die Vereinbarung ohne vorherige Genehmigung des Vorstands abgeschlossen und Vorstandsmitglieder Vertraulichkeitsvereinbarungen unterzeichnen lassen haben, bevor sie die Spende auf einer Konferenz im April offenbarte. Als Mitglieder gefragt haben sollen, ob Kalshi sich zu Sicherheitsmaßnahmen oder zur Förderung von Hilfshotlines verpflichtet habe, soll Maurer dies verneint haben. Daraufhin soll eine monatelange interne Revolte ausgebrochen sein. Laut Barron's schuf der NCPG zudem eine eigene Spenderkategorie, um Kalshi von Buchmachern wie DraftKings und FanDuel abzugrenzen. Fortune betont ausdrücklich, diese Rekonstruktionen seien nicht unabhängig verifiziert, und gibt weder Stellungnahmen von Maurer noch vom NCPG oder Kalshi wieder.
Zwei Fragen bleiben offen. Die Offenlegung auf einer Konferenz im April und die öffentliche Ankündigung vom 18. Mai könnten zwei verschiedene Ereignisse sein, die Quellen klären das jedoch nicht. Ungeklärt bleibt auch, wie sich Kalshis öffentliches Versprechen, in Instrumente und Schutzmaßnahmen zu investieren, mit dem von Barron's berichteten Eingeständnis vereinbaren lässt, dass es keine Verpflichtung zur Finanzierung von Sicherheitsmaßnahmen oder Hilfshotlines gab.

Prediction Market oder Glücksspiel: Warum die Unterscheidung zählt
Am 22. September erklärte der NCPG, Prediction Markets seien „funktional gesehen Glücksspiel“, ohne sich zur Rechtmäßigkeit zu äußern. Gleichzeitig betonte die Organisation, bei der Schadensvorbeugung nicht neutral zu sein, „egal wo diese auftreten“. Die Mitteilung zitiert eine vom NCPG in Auftrag gegebene Harris-Umfrage, laut der 85 Prozent der Amerikaner glauben, diese Plattformen könnten problematische Verhaltensweisen fördern, und 84 Prozent, sie sollten beim Verbraucherschutz wie Glücksspiel behandelt werden. Zu den genannten Mindeststandards zählen Instrumente für verantwortungsvolles Spielen, Selbstausschluss, Altersverifikation, Risikohinweise und Hilfshotlines.
Kalshi hingegen sieht sich als federal regulierte Finanzbörse, nicht als Glücksspielanbieter, laut Casino.org und Fortune. Das Unternehmen ist bei der CFTC registriert, die neue Bundesvorschriften für den Retail-Handel mit Margin und Hebel an Krypto-Börsen vorbereitet. Die Gerichte sind uneins: laut CryptoBriefing und KuCoin bestätigte der Dritte Bezirksgerichtshof am 6. April den Stopp von New Jersey gegen Kalshis Sportverträge, während der Neunte Bezirksgerichtshof am 28. August Nevada recht gab. Im Mai, so Nevada Current, verbot Minnesota Prediction-Market-Plattformen; die CFTC klagte daraufhin, um das Gesetz zu blockieren.
Für Nutzer dieser Plattformen bestimmt die rechtliche Einordnung, welche Schutzinstrumente zur Verfügung stehen. Nevada Current weist darauf hin, dass die Plattformen Achtzehnjährige zulassen, während der NCPG eine einheitliche Altersgrenze von 21 Jahren fordert. Fortune berichtet, dass Kalshi und Polymarket Wetten ab 18 Jahren auf nahezu beliebige Ereignisse erlauben, vor allem sportliche, bei Bewertungen von jeweils über 20 Milliarden US-Dollar. Der bundesrechtliche Rahmen bleibt lückenhaft: der Senat stoppte den CLARITY Act mit 49 zu 50 Stimmen, und selbst Prediction Markets galten als Stimmungsbarometer des Verfahrens, so dass in unserer Berichterstattung zur Abstimmung über 126 Änderungsanträge die Zustimmungswahrscheinlichkeiten genau dort abgelesen wurden. Der Schutz von Privatanlegern bei hochvolatilen Produkten ist auch relevant für die neuen 3x-gehebelten ETPs auf Bitcoin und Ethereum, die die SEC genehmigt hat, die aber noch nicht starten dürfen.
Wer finanziert wen: das Kategorieproblem
Branchenfinanzierung ist für den NCPG keine Neuheit. Fortune berichtet, dass DraftKings seit 2022 über 2 Millionen US-Dollar an staatliche Gremien und verbundene Organisationen gezahlt hat und dass FanDuel im März 2023 direkt 100.000 US-Dollar an den NCPG gespendet hat. Die Organisation erklärt, viele Mitglieder und Spender seien Glücksspielanbieter, ihre Bilanzen seien überprüfbar, und weder Mitgliedschaft noch Finanzierung gäben irgendjemanden Einfluss auf Forschung, Advocacy oder politische Positionen. Unsere Einschätzung: Das eigentliche Problem liegt nicht in der Annahme von Branchengeldern an sich, sondern im verwendeten Label und den damit verbundenen Garantien. Die Kategorie „Financial Services & Trading“ soll signalisieren, dass Kalshi kein Buchmacher ist, während der NCPG selbst die Plattform funktional als Glücksspiel einstuft.
Der Fall Kalshi und NCPG im Überblick
Was bestätigt ist, was nicht. Quellen: NCPG-Mitteilungen, Fortune, Legal Sports Report, SBC Americas
- Bestätigt: Zweijahresvertrag über 2 Millionen US-Dollar, angekündigt am 18. Mai; Rücktritt von Heather Maurer, kommuniziert am 26. September (im Amt bis 16. Oktober); NCPG stuft Prediction Markets am 22. September funktional als Glücksspiel ein; Austritt von vier staatlichen Mitgliedsorganisationen.
- Nicht bekannt: Rücktrittsgrund; Stellungnahmen von Kalshi und NCPG zu den Vorwürfen; unabhängige Überprüfung des Barron's-Berichts; geplante Verwendung der Spende.
- Zu verfolgen: die Wahl der neuen Leitung nach dem 16. Oktober, Kalshis Verfahren vor Bundesgerichten sowie mögliche weitere Abgänge von Mitgliedsorganisationen.
Und in Deutschland?
Der Fall betrifft US-amerikanische Gesetze und Gerichte; ob Kalshi für Nutzer in Deutschland oder anderen deutschsprachigen Ländern zugänglich ist, haben wir nicht geprüft. Der Schutz der Nutzer ist dennoch ein vertrautes Thema: Gegen unerlaubte Finanzdienstleister geht etwa die BaFin mit Sperrverfügungen vor, während Altersverifikation und Kundenidentifikation zentrale Aufgaben der KYC- und AML-Anbieter europäischer CASPs sind.
Das größere Bild
Der Fall zeigt, wie die Definition eines Produkts bestimmt, wer es reguliert und wer für die Schadensbegrenzung aufkommt. Gilt ein Prediction Market als Finanzbörse, greifen die Schutzregeln der CFTC; gilt er als Glücksspiel, gelten staatliche Gesetze mit Selbstausschluss, Altersgrenzen und Hilfsangeboten. Wenn eine Plattform die Organisation finanziert, die ihre Schäden überwachen soll, verbindet sich die Klassifizierungsdebatte mit der Frage nach institutioneller Unabhängigkeit, genau das erlebt der NCPG gerade. Das ist unsere Einschätzung, aber sie deckt sich mit dem, was der NCPG selbst betont: Spenderunterstützung bedeutet keine inhaltliche Billigung.
Die konkreten Entwicklungen, die zu beobachten sind: Wer leitet den NCPG nach dem 16. Oktober? Werden NCPG und Kalshi auf die von Barron's berichteten Vorwürfe antworten und die Verwendung der Spende erläutern? Ziehen sich weitere Mitgliedsorganisationen zurück? Wie enden Kalshis Berufungsverfahren zu den Sportverträgen? Solange diese Fragen offen sind, handelt es sich um eine Governance-Krise und eine Definitionsdebatte, nicht um ein festgestelltes Fehlverhalten.




